Frauen als „Verwalterinnen“ und Garanten der Memoria. Bemerkungen zum Problem weiblicher Schriftlichkeit im frühen Mittelalter

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Abstract

Contributor: Dr. Eva-Maria Butz, Universität Dortmund

Die mittelalterliche Gesellschaft brachte in ihren unterschiedlichen Gruppen und Institutionen verschiedenste Formen des erinnernenden Gedenkens hervor. Im frühen Mittelalter zählen hierzu neben Biographien und Geschichtswerken die Nekrologien und Gedenkbücher, die im 8./9. Jahrhundert als eine neue Form pragmatischer Schriftlichkeit in den Klöstern auftraten. In diesen Büchern, die für den liturgischen Gebrauch im Gottesdienst bestimmt waren, wurden Namen aufgeschrieben, die in früheren Zeiten noch während der Liturgie verlesen wurden. Mit der Niederschrift eines Namens wurde dieser der Vorstellung nach direkt in das himmlische ‚Buch des Lebens‘ eingeschrieben. In den Büchern wurden neben Listen religiöser Kommunitäten (Konventslisten) auch die Namen von weiblichen und männlichen Wohltätern verzeichnet.

Auffallenderweise stammen die Verbrüderungsbücher der Karolingerzeit aus Klöstern im Umkreis des Alpenraumes, und wurden nicht nur in Männerklöstern sondern auch in den beiden Frauenkonventen in Remiremont und in Brescia geführt. Sie gelten nach Rosamond McKitterick neben den Werken der Hrotsvith von Gandersheim und brieflichen Zeugnissen als frühe Belege weiblicher Schriftlichkeit im Kloster. Dabei weisen beide Bücher aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in der Art ihrer Führung und im Charakter ihrer Schrift Besonderheiten gegenüber den Codices von Reichenau, St. Gallen oder Pfäfers auf.

Im geplanten Vortrag möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit Geschlecht und Anlage bzw. Führung der Gedenkbücher in einem Zusammenhang stehen. Mit der Einschreibung von Namen lag die Verantwortung für die ewige Memoria der jeweiligen Personen in der Hand der Schreiberinnen. Die Liturgie selbst, in der das Gedenkbuch seine Funktion als Medium zwischen den Menschen und Gott einnahm, wurde von Männern durchgeführt. Aber auch die Führung der Bücher wirft Fragen nach der Aufgabenverteilung im Frauenkloster und der Schreibfähigkeit der Frauen auf. Hatten sie bereits bei der Erstanlage der Bücher mitgewirkt, wurde ihnen die Weiterführung übertragen oder versuchten sie in einer Krisensituation diese wichtige Aufgabe der Memoria selbst so gut zu übernehmen, wie es ihnen möglich war?