„Alles leiden ist mir sies“ Leben, Leiden und Lieben der frommen Hirlanda

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Abstract

Contributor: Dr. Toni Bernhart, Universität der Künste Berlin

Hirlanda ist eine der frommsten Frauen der Literaturgeschichte. Sie wird der Untreue bezichtigt und zum Opfer höfischer Intrigen. Sie muss fliehen, verbirgt sich als Schafhirtin und wird schließlich von ihrem Gatten Artus zum Feuertod verurteilt. Im letzten Augenblick wird sie durch ein Gottesurteil vor dem Tode bewahrt.

Der Hirlanda-Stoff entstammt sehr wahrscheinlich der mittelalterlichen bretonischen Epik. Der französische Jesuit René de Ceriziers literarisiert den Stoff in seinem Buch „Les trois estats de l’innocence“ (1640) zum ersten Mal. Wenig später folgen Übertragungen ins Englische (1656), Italienische (1666) und Deutsche (1685). Bereits 1657 nimmt das lateinische Jesuitentheater den Stoff in sein Repertoire auf. Im 18. Jh. zählen Hirlanda-Spiele zu den meistgespielten Volksschauspielen des süddeutschen Raums. Grundlage meiner Ausführungen ist die Edition (s.u.) der Handschrift von Johannes Ulrich von Federspiel (1791) aus Laas (Südtirol, Italien). Von der Literatur- und Kulturwissenschaft wurde Hirlanda bislang vernachlässigt.

Ihr Schwager Gerald versucht Hirlanda (und seinen Bruder Artus) dadurch zu vernichten, dass er ihre Tugend und Ehre zunichte macht (er will nämlich Artus‘ Thron erlangen). Gerald streut das Gerücht des Ehebruchs und einer Tiergeburt, was Artus legitimiert, seine Frau zum Scheiterhaufen zu verurteilen. Hirlanda ist das passive Gute, das vom aktiven Bösen stimuliert wird. Ihr exzessives Dulden und Leiden macht sie zum moralischen Exempel: Die ideale Ehefrau ist ihrem Mann bedingungslos untergeben, eheliche Treue gilt als höchste Tugend, die einzige Hoffnung im Leben ist das Jenseits im Tod, wo Christus als Bräutigam die Frau erwartet. Das Stück ist ein Dulderin-Stück. Dass es ein Märtyrerin-Stück wird, verhindert ein Gottesurteil. Hirlandas Imitatio Christi wird im Leiden und Leben, (noch) aber nicht im Sterben und im Tode zugelassen.

Hirlanda ist ein spätbarockes katholisches Emblem. Sie dokumentiert das genderspezifische Machtgefüge ihrer Zeit. In ihrer spirituell-erotischen Hinwendung zu Christus erhebt sie den Anspruch einer „Lebenshilfe“ für die Frau ihrer Zeit. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Hirlanda im bairisch-österreichischen Raum als Volksheilige verehrt wird, obwohl sie keine Heilige des katholischen Kirchenkanons ist.

Literatur

  1. Bernhart, Toni (2003): Der Tod in der „Hirlanda“ und im „Laaser Spiel“. In: L’Art Macabre 4, S. 9-16.
  2. ders. (Hg.) (1999): Federspiel, Johannes Ulrich von: Hirlanda. Durch falschheit zu feir verdamte unschuld. Edition des Legendenspiels nach der Laaser Handschrift von 1791. Wien: Folio.
  3. ders. (1999): Synopse zum Laaser Hanswurst. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 79, S. 133-140.
  4. ders. und Weber, Dorothea (1998): Hirlanda 1791. In: Hirlanda. Wien: Programmheft [Johannes Ulrich von Federspiel: Hirlanda, Universitätskirche Wien, 14.-16. Mai 1998], S. 17-18.