„Mit einer Posaune in der gantzen Welt auszublasen“ – Zum Schreibimpuls pietistischer Frauen

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Abstract

Contributor: PD Dr. Ruth Albrecht, Universität Hamburg

Pietistische Schriftstellerinnen und Theologinnen des 17. und 18. Jahrhunderts

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts formiert sich innerhalb der reformatorischen Kirchen die Reformbewegung des Pietismus, der sich sowohl in den lutherischen als auch in den reformierten Gemeinden ausbreitete. Die Aktivierung der Laien, die als eines der Grundelemente der Reform angestrebt wurde, wirkte sich insbesondere für viele Frauen aus. Sie engagierten sich, in sehr viel stärkerem Maß als vorher, sowohl auf der organisatorischen Ebene, etwa bei der Gestaltung der typisch pietistischen Versammlungen in Kleingruppen, als auch auf der theologisch-literarischen Ebene. Die pietistischen Forderungen, dass die Bibelkenntnis verbessert werden sollte und möglichst auch Grundkenntnisse des Hebräischen und Griechischen von Nicht-Akademikern erworben werden sollten, lassen sich bei etlichen Biographien pietistischer Frauen als Impulse zu ihrer schriftstellerischen Karriere erkennen.

Schwerpunkte der pietistischen Literaturproduktion, an der Frauen sich in großen Umfang beteiligten, lagen zum einen in der autobiographische Sparte und zum anderen bei einer breiten Palette von Frömmigkeitsliteratur, die Lieder, Gebete und Meditationen umfasste. Zu den produktivsten Schriftstellerinnen gehört Johanna Eleonora Petersen (1644-1724). Sie verfasste als eine der ersten deutschen Pietistinnen autobiographische Texte, von denen der erste bereits 1689 im Druck erschien. Neben erbaulichen Schriften verfasste sie auch Bücher zu spezifisch theologischen Themenstellungen, indem sie zu Fachdebatten etwa über Chiliasmus und Apokatastasis engagiert Position bezog. Pietistinnen wie Anna Maria Sprögel oder Henriette Katharina Scharschmied hinterließen, was den Umfang ihrer Schriften angeht, nur ein wenig umfangreiches gedrucktes Werk. Die Texte dieser Frauen, die hier nur stellvertretend genannt werden, sind bisher nicht genügend in die Forschung zur Rekonstruktion des Pietismus einbezogen worden. Daneben müssen die Bildungsbiographien dieser und anderer Frauen sehr viel sorgfältiger analysiert werden. Welche der pietistischen Impulse wurden jeweils von den Frauen aufgegriffen?

Neben der biographischen Erschließung geht es bei den bisher bekannten pietistischen Schriftstellerinnen und Theologinnen des frühen Pietismus um eine, in weiten Teilen, erste Analyse ihrer Werke. Deutlich verfolgen lässt sich, dass die breite Beteiligung von Frauen im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert zurücktrat. Der Pietismus verlor insgesamt an Bedeutung, und dort, wo er sich etablierte, wurden viele der Reformansätze, auch die in bezug auf das Geschlechterverhältnis, nicht fortgeführt, sondern stagnierten.