Kunst – Gefühl – Kommerz: Puppen als Lebenswerk in der Autobiographie von Käthe Kruse (1883-1968)

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Kurzfassung

Autor: Gudrun Wedel, Berlin

Die meisten Frauen haben in ihrer Kindheit mit „kleinen künstlichen Menschen“ gespielt. Puppen sind deshalb durchgängig ein Thema in Autobiographien von Frauen, sei es als Erinnerungen an die Lieblingspuppe, an Phantasiespiele, als bloße Erwähnung traditioneller Rollenspiele oder aber als demonstrative Feststellung, daß keinerlei Interesse an Puppen bestand. Ein Sonderfall ist Käthe Kruse, die sich in ihrer Autobiographie ausführlich mit ihrem Lebenswerk, der Gestaltung von Puppen, auseinandersetzt.

Biographisches über Käthe Kruse

Käthe Kruse wurde 1883 in Breslau geboren. Sie wuchs in ärmlichen und bedrückenden Verhältnissen auf: Ihre Mutter war eine ledige Näherin, ihr Vater ein verheirateter städtischer Beamter. Im Anschluß an die Schulzeit begann sie eine Ausbildung zur Schauspielerin und erhielt schon mit 18 Jahren ein Engagement am Lessing-Theater in Berlin. Hier lernte sie den Bildhauer Max Kruse kennen. Er war fast 30 Jahre älter, geschieden und hatte vier Kinder. Als 1902 Marie, das erste Kind aus dieser Beziehung, geboren wurde, gab Käthe Kruse das Theaterspielen auf. Bis 1921 folgten zwei weitere Töchter und vier Söhne. Aus den kleinen Anfängen der handwerklichen Puppenherstellung in Berlin gründete Käthe Kruse 1912 eine größere Werkstätte in Bad Kösen, die sie bald zu einem erfolgreichen mittelständischen Unternehmen ausbaute. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte sie es zusammen mit ihren Söhnen in Donauwörth fort. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie mit ihrer ältesten Tochter Marie. Käthe Kruse starb 1968.

Eine Schöpfungsgeschichte

Als begabte Schauspielerin und begeisterte Geschichtenerzählerin nutzte Käthe Kruse jede Gelegenheit, um Werbung für ihre Puppen zu machen. Zu ihren Lieblingsgeschichten gehörte die, wie sie dazu kam, Puppen herzustellen. Diese Geschichte inszeniert Käthe Kruse in ihrer Autobiographie als eine Schöpfungsgeschichte auf unterschiedlichen Erzählebenen: Sie räsoniert über die Gattung Autobiographie, dramatisiert die Geschehnisse und führt einen Dialog mit ihrem Lesepublikum. Aus dieser Geschichte werden bis heute Kernsätze zitiert.

Die Puppen

Bereits 1925 hatte Käthe Kruse in einem autobiographischen Aufsatz den Sinn und Zweck von Spiel-Puppen propagiert: Sie sollten etwas zum Liebhaben, zum Fühlen und Anfühlen sein. Das entsprach der bildhauerischen Theorie ihres Ehemannes über die Wirkung der plastischen Form, nach der nur richtige Formen richtige Gefühle wecken. Um den hohen Anspruch an die künstlerische Qualität der Puppen zu erfüllen, stellten KünstlerInnen in der Familie – der Ehemann, die Tochter Fifi und der Schwiegersohn Igor von Jakimow – Porträtbüsten als Vorlagen für die Puppenköpfe her. Modelle waren Käthe Kruses Kinder, nach deren Körperproportionen auch die Puppenkörper geformt wurden. Das weiche Material der Käthe-Kruse-Puppen und ihre Konstruktion sollten der Phantasie und Aktivität der damit Spielenden vielfältige Bewegungsmöglichkeiten bieten.

Im Auftrag von Bekleidungsfabrikanten produzierte Käthe Kruse Schaufensterpuppen. Mit diesen natürlich wirkenden Figuren und ihrer lebensnahen Präsentation in Alltagssituationen gestaltete sie künstlerisch ambitionierte Illusionsräume.

Mischungen

In ihrem Kinderbuch Kuddelmuddel mischte Käthe Kruse eigenes Erleben mit den „Erlebnissen“ von Puppen, also Autobiographisches mit Fiktivem. Sie verknüfte Texte mit Bildern, indem ihre Texte die Geschichten zu den Fotos liefern, und sie kombinierte in Fotos menschliche und künstliche Wesen. Um Kinder nicht zu verwirren, erklärte Käthe Kruse ihre „gemischte“ Erzählweise und die „gemischten Abbildungen“, indem sie auf den Wechsel zwischen Realitätsebene und erfundener Geschichte aufmerksam machte.

Zur Person:

Gudrun Wedel ist derzeit mit Abschlussarbeiten an einem Lexikon über Autobiographien von Frauen aus dem 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum beschäftigt. Sie ist Trägerin des Margherita-von-Brentano-Preises 2000 der Freien Universität Berlin, verliehen in Anerkennung herausragender Leistungen im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung. Das Preisgeld von 20.000 DM dient dem Aufbau einer öffentlich zugänglichen Sammlung der Autobiographien von Frauen. Studium der Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte in Frankfurt am Main und an der Freien Universität Berlin, Erstes und Zweites Staatsexamen für das Lehramt, Promotion zum Thema „Frauen lehren. Arbeit im Leben von Autobiographinnen aus dem 19. Jahrhundert“; 1999 bis 2002 Wissenschaftliche Bearbeiterin des DFG-Projekts „Netzwerke Autobiographinnen“.

Forschungsschwerpunkte:

Autobiographik, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Bildungsgeschichte, Geschichte der Arbeit.

Publikationen:

  • „Lehren zwischen Arbeit und Beruf. Einblicke in das Leben von Autobiographinnen aus dem 19. Jahrhundert“. Wien 2000 (L’Homme Schriften 4) sowie zahlreiche Aufsätze zu einzelnen Autobiographinnen.