Lebendige Artefakte mit ‚körperlicher Welterfahrung‘

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„… muss ein Wesen, das ein ähnliches konzeptionelles Verständnis der Welt entwickeln soll wie wir Menschen, auch die gleiche Art körperzentrierter Metaphern bilden. Aus diesem Grund lohnt es sich, den Bau eines Roboters mit menschlicher Gestalt zu erkunden und zu sehen, welche Arten von Metaphern wir ihn aus seiner körperlichen Welterfahrung entwickeln lassen können.“ Rodney Brooks, Menschmaschinen

Kurzfassung

Autor: Dr. Jutta Weber, TU Braunschweig

Im Juni 1999 wurde von der Europäischen Forschungskommission in Brüssel ein Workshop zu „Neuro-Informatik für `lebendige´ Artefakte“ unter dem Motto „Beyond the Made and the Born“ ausgerichtet. Dieser Workshop wurde initiiert, um neue Koalitionen der Bio- und Neurowissenschaften mit den Informationstechnologien zu ermöglichen – in Hinblick auf die Entwicklung und Herstellung von „machines that live“ bzw. `lebendigen´ Artefakten. Die dezidierten Ziele sind die Entwicklung von „hardware/software `artefacts that live and grow´, i.e. artefacts that self-adapt and evolve beyond pure programming.“ (vgl. http://www.cordis.lu/ist/fet/ni-1.htm). Die Herstellung von `lebendigen´ Maschinen bzw. sich selbst entwickelnden Artefakten „beyond the Made and the Born“ ist offensichtlich nicht ausschließlich Vision des Science-Fiction, sondern Gegenstand neuester transdisziplinärer High-Tech-Forschungsprojekte.

Der Beitrag untersucht unterschiedlichste Entwicklungen: 1) Die informationstheoretische Rekonfiguration des menschlichen Körpers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wodurch die Grenzen zwischen Leben und Information, Mensch und Maschine bzw. Organismus und Computer zunehmend verschwimmen. 2) Die Reifizierungen altvertrauter und geschlechtsspezifisch codierter Dualismen wie etwa Materie/Information, Körper/Geist, Immanenz/Transzendenz durch die Robotik und Neuroinformatik. Aber zugleich 3) eine neue Aufmerksamkeit in Robotik und Neuroinformatik bezüglich der Situiertheit, Verkörpertheit und Materialität der lebendigen Artefakte, mit deren Hilfe Roboter – basiert auf ihre körperliche Welterfahrung – ein konzeptionelles Verständnis derselben erlernen.

Diesen widersprüchlichen Tendenzen gehe ich anhand einer kritischen Textlektüre des erwähnten EU-Forschungsprogramms, des neuen populärwissenschaftlichen Buchs des Star-Robotikers Rodney Brooks Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen und Interviews, die ich mit Robotik-ForscherInnen in Deutschland und den USA gemacht habe, nach.

Zur Person:

Dr. Jutta Weber, Wissenschafts- bzw. Technikphilosophin und -forscherin; Studium der Philosophie und Politikwissenschaft; Promotion an der Uni Bremen zu ‚Umkämpfte Bedeutungen: Naturkonzepte im Zeitalter der Technoscience“; Forschungsprojekt zu Körperkonzepten in der Artificial Life-Forschung und Robotik; derzeit Lehrbeauftragte im Studiengang Philosophie an der Universität Bremen. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, Wissenschafts- & Technikforschung bzw. -philosophie; Cultural Studies (of Science & Technology); Naturphilosophie; Gender Studies; feministische Theorie.

Schriftenauswahl (Auswahl):

  • Science and Technology. In: Kathy Davis / Mary Evans / Judith Lorber (eds.): Handbook of Gender and Women´s Studies. London: Sage 2005 (forthcoming);
  • Performing post / trans / techno / queer. Pluralisierung als Selbst- und Machttechnologie. In: Caroline Rosenthal / Therese Frey Steffen / Anke Vaeth (Hg.): Gender Studies: Standorte – Zukunftsräume. Königshausen & Neumann 2004 (in Vorbereitung);
  • Umkämpfte Bedeutungen: Naturkonzepte im Zeitalter der Technoscience. New York; Frankfurt a.M.: Campus 2003;
  • Turbulente Körper, soziale Maschinen. Feministische Studien zur Technowissenschaftskultur. Hg. zus. mit Corinna Bath. Opladen: Leske & Budrich 2003;
  • Eingreifen. Viren, Modelle, Tricks. Hg. zus. mit Andrea Sick, Ulrike Bergermann, Elke Bippus, Helene von Oldenburg, Claudia Reiche. Bremen (Thealit) 2003
  • Vom Nutzen und Nachteil posthumanistischer Naturkonzepte im Zeitalter der Technoscience. In: Gernot Böhme / Alexandra Manzei (Hg.): Kritische Theorie der Natur und Technik. München: Fink 2003, 221-246
  • Hybride Technologien: Technowissenschaftsforschung als transdisziplinäre Erkenntnispolitik. In: Gudrun-Axeli Knapp / Angelika Wetterer: Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie & feministische Kritik II. Münster: Westfälisches Dampfboot 2003, 198-226
  • Cyberfeminism Crossover: Talking about Intercultural and Interdisciplinary Experience. In: Christiane Floyd et al. (eds.): Feminist Challenges in the Information Age. Information as a Social Ressource. Opladen: Leske & Budrich 2002, 135-146