Bedrohlich oder begehrenswert? Die Wachspuppe als das Selbst und das Andere in Romantik und Moderne

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Kurzfassung

Autor: Marianne Vogel, Groningen

Wachspuppen, Wachsfiguren dienen im Vergleich zu anderen künstlichen Menschen oft dazu, als Imitation wirklicher Menschen zu dienen. Da Wachs auch für die Herstellung von Totenmasken benutzt wurde, treten die Elemente des „memento mori“, der Vergänglichkeit, der Problematik von Leib versus Seele oder Geist hier in den Vordergrund (man denke auch an Bezeichnungen wie „wachsbleich“, „ein wächsernes Gesicht“ u.ä.). In diesem Sinne kommen Wachspuppen z.B. sowohl in Jean Pauls Werken – Unsichtbare Loge, Hesperus, Titan – als auch in dem etwa zeitgleich entstandenen Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud vor. In beiden Fällen sind die Puppen nicht nur eine Imitation, sondern auch ein (bedrohliches) Vorbild, dem man (nicht) folgen sollte.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekommt die Wachspuppe als Schaufensterpuppe eine neue Funktion im Dienst des Konsums und des gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses. Bei Jean Paul waren die Wachspuppen meistens männlich, da es ihre Funktion war, die Unfreiheit und Vergänglichkeit des Protagonisten und damit des menschlichen – als männlich gedachten – Selbst aufzuzeigen. Jetzt steht jedoch die weibliche Wachspuppe im Mittelpunkt. Für den männlichen Blick fungiert diese als Inbegriff des „Anderen“, als Objekt für Phantasien sowie als (bedrohliches) Symbol für die Weiblichkeit der Stadt und der Modernität.

Am Beispiel Jean Pauls und einiger Autoren der Weimarer Republik werden die sich verändernden Funktionen der Wachspuppe in Bezug zu kulturellen Ängsten und Phantasien sowie die Verbindung mit Geschlechterauffassungen näher ausgearbeitet.

Zur Person:

Marianne Vogel, Dr. Dr., geboren 1958, Koordinatorin für Deutschlandstudien an der Universität Groningen (NL), Abteilung für Germanistik/Abteilung für Geschichte. Studium der Germanistik und Philosophie 1979-1985 – Schülerin von Prof. Dr. M.H. Würzner, der in Leiden ab Ende der 70er Jahre ein Forschungsprogramm zur deutschsprachigen Exilliteratur in den Niederlanden leitete -, Promotion im Bereich der Geisteswissenschaften 1992 (Universität Leiden), Promotion im Bereich der Kulturwissenschaften 2001 (Universität Maastricht), Lektorin für niederländische Literatur, Kultur und Sprache 1994-2001 (Universität Freiburg). Schriftführerin des deutschen Vereins FrideL (Frauen in der Literaturwissenschaft), Vorsitzende des niederländisches Netzwerkes Genderstudies Sprache & Literatur. Forschungsschwerpunkt: deutsche und niederländische Literatur und Kultur 18.-20. Jahrhundert. Zahlreiche Publikationen zum literarisch-kulturellen Feld, zur Literaturgeschichtsschreibung und zur Genderforschung.