Puppenspiele: Der Hypnotiseur und sein Medium

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Kurzfassung

Autor: Fiona Trede, Hamburg

In der Literatur des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts findet das romantische Motiv des Automaten in Frauengestalt eine interessante Fortsetzung. Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen medizinischen Forschung, der Psychoanalyse im Speziellen, verlagert sich die Mechanisierung des weiblichen Körpers in den Bereich der Hypnose. Statt künstliche Frauenkörper zu konstruieren, werden nun tatsächliche Frauenkörper dekonstruiert und manipuliert. Arthur Schnitzler hat diesen Prozess mehrfach thematisiert und auch bei Autoren wie Thomas Mann, George Du Maurier und Hugo von Hofmannsthal lassen sich hervorragende Beispiele aufzeigen.

Das Verfahren der Hypnotisierung als Sehnsuchtsmodell und Planung einer Produktion idealer Weiblichkeit bringt eine ganze Reihe von Vorteilen für die Hersteller mit sich: Die Frauen-Maschinen wirken überaus natürlich, sie sind robust und bedürfen keiner aufwendigen Pflege. Nach Gebrauch hat man keinen Materialmüll zu entsorgen, sondern kann die Maschine mühelos wieder in eine reale Frau zurückverwandeln. Puppenfabrikation durch Hypnose ist also wunderbar einfach und praktisch.

Leider birgt das Verfahren einer Automatisierung von Körpern durch Hypnose jedoch auch einige Nachteile in sich. Denn die Macher der Puppen wissen niemals, ob ihre Puppen sie vielleicht anlügen und gar keine Puppen sind. Vielleicht sind es Frauen, die nur so tun, als seien sie Puppen. Vielleicht befinden sich diese Frauen nicht wirklich in einem Zustand des Unbewussten, sondern imitieren die Gebaren einer Somnabulen, spielen ihrem Hypnotiseur nur etwas vor. Diesem Zweifel sind Hersteller wie auch Betrachter der vermeintlichen Puppen unentrinnbar ausgesetzt.

Die im Kontext der Hypnose-Diskussion immer wieder gestellten Fragen nach der Echtheit des somnabulen Zustandes, nach dem Sinn der Hypnotisierung, nach der Verbindung zur ja auch als hoch theatral betrachteten Hysterie – all diese Fragen beim Anblick einer hypnotisierten Frau verweisen auf die Problematik eines trügerischen Habitus von Weiblichkeit überhaupt. Das Moment der Hypnose ist im literarischen Diskurs stets eng verknüpft mit der Kunst des Schauspielerns, der Lust am Lügen, dem weiblichen Hang zu Mythomanien.

Zur Person:

Studium: Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen sowie Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur in Hamburg. Derzeit Dissertationsprojekt an der Uni Hamburg über Formen weiblicher Körperinszenierung in der Literatur der Jahrhundertwende. Erhalt eines zweijährigen Promotionsstipendiums nach dem Hamburgischen Gesetz zur Förderung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses. Journalistische Tätigkeit in den Bereichen Tanz, Theater und Literatur. Veröffentlichung zum Thema einer künstlerischen Adaption der Hypnose um 1900: „Traumhaft schön? Madeleine G. und der Tanz im Unbewussten“. In: tanzdrama 58, Mai 2001.