Maschinenfrauen – Weibliche Cyborgs – Sci-Fi Filme. Reflektionen über Metropolis (1929) und StarTrek: First Contact (1996)

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Abstract

Autor: Florentine Strzelcyk, Calgary

Der filmische Text in unserem Zeitalter des Visuellen hinterlässt wie keine andere Textsorte ein beeindruckendes Erbe. Fritz Langs Metropolis (1929) ist nicht nur zu einem Leitbild für die präfaschistische Weimarer Republik geworden, sondern Langs eindringliche Visualisierungen von der Stadt der Zukunft oder der Maschinenfrau haben auch den amerikanischen Science-Fiction-Film tiefgreifend beeinflusst, von dem inzwischen selbst zum Klassiker gewordenen Blade Runner (1982) bis zu der populären Animations-Fernseh-Serie Futurama.

Science-Fiction ist von jeher ein hauptsächlich konservatives Genre gewesen, in dem männliche Fantasien und Ängste vor dem Verlust von Autorität und Kontrolle (Kastrationsangst/Freud) sich in Albtraumvisionen von Sexualität und Technologie ausdrücken. Schon Zeitgenossen von Fritz Lang haben die reaktionären Konstellationen in Metropolis vermerkt, jedoch erst in den letzten Jahren ist die Genderökonomie des Films näher untersucht worden. Im Mittelpunkt von Langs Film steht der mechanisierte Vamp und weibliche Cyborg Maria, über den eine Reihe von Männerfantasien verhandelt werden:

  • die Fiktion von der Ectogenese, der Schaffung von Leben außerhalb des weiblichen Mutterleibs;
  • eine bedrohliche und sich männlicher Kontrolle entziehende weibliche Sexualität, die sich einerseits durch Promiskuität und unersättliches sexuelles Verlangen deutlich macht und sich andererseits mit der Angst vor Mechanisierung und Maschinisierung zu einem Bedeutungsnetzwerk verbindet, in dem beide immer wieder aufeinander verweisen;
  • die als sexueller Akt angedeutete Verführung der Massen, die zu einer destruktiven von sinnloser Zerstörungswut gezeichneten Revolution führt. Besonders die Mob-Szenen im Film sind visuell als uferlos tobende Femininität konstruiert, die schon Theweleit als eine grundlegende Fantasie autoritätsbedrohter Männer der deutschen Zwischenkriegszeit charakterisiert hatte.

Kurzum, in der Maschinenfrau erscheinen Frau und Maschine als Kreation und Kultobjekte männlicher Zukunftsvorstellungen und Gegenwartsängste. – Mein Vortrag spürt den intertextuellen Verbindungen zwischen dem Klassiker Metropolis und einem seiner vielen nordamerikanischen Epigonen, dem Film StarTrek: First Contact (1996), nach, wobei ich mich auf die beiden Filmen gemeinsame Konstruktion der Maschinenfrau bzw. des weiblichen Cyborgs konzentriere.

In StarTrek: First Contact sind die Borg eine Rasse von Cyborgs, die – halb aus menschlichem Material, teils aus künstlichen Ersatzteilen bestehend – im Kollektiv denken und handeln und durch die Galaxie streunen, um andere Völker und Rassen zu assimilieren. In der Fernsehserie StarTrek: The Next Generation sind es die Borg, die einem amerikanischen Fernsehpublikum immer wieder vorführen, welche Vorteile der Mythos von Individualität und Selbstbestimmtheit hat, verglichen mit den kollektiven Lebensmustern anderer Gesellschaften. Der Kinofilm StarTrek: First Contact führt eine neue Figur, die Borg Queen, ein. Wie die Maschinen-Maria in Metropolis ist die Borg Queen Erscheinungsform und somit Schöpfung des kollektiven männlichen Bewusstseins der Borg; gleichzeitig gibt sie den Borgmassen erst Ziel und Richtung zum Handeln. Wie die Maschinen-Maria ist auch die Borg Queen negativ als Vamp sexualisiert, und wird damit zur Gefahr für die männlichen Protagonisten Kapitän Picard und Commander Data. Ihre Erscheinungsform im Film ist grenzenlos, verschmilzt immer wieder mit dem Halbdunkel des Borgschiffes, durch das sie vielfach vernetzt ist mit dem Bewusstsein seiner Bewohner, deren sexuelles Verlangen sich in ihr potenziert. Ihre allumfassende unersättliche weibliche Sexualität wird durch ihren feuchten, dunklen, sich windenden Körper visualisiert – eine fließende, unerschöpfliche Sexualität, die eine gleichsam kosmische Lust verspricht, in der sich das monadische männliche Subjekt unweigerlich verlieren muss. Gegenspieler des weiblichen Cyborgs ist nicht wie in Metropolis eine jungfräuliche entsexualisierte weibliche Figur, sondern der ebenso jungfräuliche männliche Android Data, der eine positive Version der dem männlichen Subjekt dienstbaren Technologie vertritt und letztendlich die außer Kontrolle geratene destruktive Kommunikationstechnologie der Borg eindämmt.

Feministische Konzepte von einer idealen postmodernen Gemeinschaft (Donna Haraways Cyborg-Manifest) feiern den Cyborg (die Vorstellung vom Cyborg beginnt ja bereits in der dauernden Vernetzung mit unserem Handy oder Computer), bietet die Hybridität des Cyborgs doch eine Möglichkeit, Differenz ohne Rekurs auf eine biologische oder originäre Einheit neu und deshalb egalitärer zu denken. StarTrek: First Contact dagegen ist einer Ideologie verschrieben, die männliche Schöpfungsfantasien mit einer Feminisierung der Massen verbindet und weibliche Sexualität als destruktive politische Kraft dämonisiert. Die oft als amerikanisches Epos beschriebene StarTrek-Serie spielt so eine als feminin kodierte Kultur ubiquitärer, fluider Telekommunikation gegen den hypermaskulinen männlichen Cyborg aus, der als letzte Bastion konventioneller Männlichkeit eine stabile Subjektposition aufrechterhält. Fritz Langs Metropolis wird dabei zu einer Vorlage, deren Fiktionen von Technologie und Gender sich immer wieder auf andere Verhältnisse übertragen und mit anderen politischen Inhalten füllen lassen.

Zur Person:

Florentine Strzelcyk lehrt als Associate Professor an der University of Calgary, Ca. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Göttingen und promovierte an der University of British Columbia, Vancouver. Veröffentlichungen zu den Themen Heimat und nationale Identität in der deutschen Gegenwartskultur, Film im Dritten Reich, und zu nazistischen Elemente in nordamerikanischen Unterhaltungsfilmen.