Projekt: ‚Stimmen aus dem Dunkel‘: Autorin, Gender, Horrortext

Zurück zum Tagungsprogramm

Autor: Julie Miess, Berlin

Bisher schienen sich Monster überwiegend aus dem Blickwinkel männlicher/’weißer‘ Subjektpositionen zu formieren, von der Gorgo bis zu HP Lovecrafts ‚Tentakelmonstern‘. Das Horrorgenre wird entsprechend traditionsgemäß als männliches Genre betrachtet. Die Bedeutung Mary Shelleys für die Gothic novel als Ursprungsform aller Horrortexte ist heute unbestritten; gleichzeitig beginnt die Schwierigkeit, sich die Horrorautorin vorzustellen, bereits mit frühen Theorien der Gothic novel. Anne Radcliffe und Matthew Gregory Lewis gelten als Hauptvertreter zweier unterschiedlicher Schulen des ‚Gothic‘: der sogenannten „school of terror“ (Radcliffe) und der „school of horror“ (Lewis). Während Radcliffe die Darstellung von Gewalt vermeidet, konfrontiert Lewis als Erfinder der „horror gothic“ die Leserschaft schonungslos mit Gewaltszenen.

Meine zentrale Frage ist, inwiefern die kulturprägende Imagination des Monströsen, des „monstrous other“, gegenwärtig veränderte Bewertungen erhält – beispielsweise in Thea Dorns Die Hirnkönigin in Val Mc Dermids The Mermaid’s Singing und in Suzy McKee Charnas‘ Kurzgeschichte Boobs, die von einer seltsam symphatischen Werwölfin handelt. Dabei ist es nicht mein Interesse, den Beweis zu führen, dass es eine generell subversive Horrorliteratur von Frauen gibt; vielmehr geht es darum, die Wahrnehmung des Horrorgenres als ‚männliches Genre‘ gründlich zu hinterfragen.

Zur Person:

Julie Miess arbeitet an einer Dissertation zum vorgestellten Thema bei Prof. Dr. Renate Hof, Humboldt Universität Berlin.