Künstliche Menschen – oder: der moderne Prometheus. Der Schrecken der Autonomie

Zurück zum Tagungsprogramm

Kurzfassung

Autor: Eva Kormann, Karlsruhe

Nach 1800 sind es vor allem die Nachtstücke, die Schauerromane, die gruseligen Novellen, in denen sich Statuen beleben, Automaten bewegen und tote Materie zum Leben erweckt wird.
Diese Häufung künstlicher Lebewesen im schauerlichen Genre ist mit Sicherheit kein Zufall: Die fiktiven Schöpfer künstlichen Lebens treiben die Vorstellung von der Autonomie des Subjekts auf die Spitze. Sie ziehen die letzte Konsequenz aus den titanischen, prometheischen Vorstellungen von einem autonomen Subjekt.

Mary Wollstonecraft Shelleys bekannter Schauerroman trägt den Titel Frankenstein or the modern Prometheus. Prometheus, der Titan und Menschenschöpfer, ist eine Metapher für das Konzept des autonomen Subjekts, das sich als Schöpfer seiner selbst begreift und – autos nomos – sich sein Gesetz selbst gibt und sich keiner fremden, äußeren Gesetzlichkeit unterlegen sieht. Der Forscher Frankenstein will sich ein Denkmal setzen in der wissenschaftlichen Welt. Doch seine prometheische Selbstkonzeption führt ihn nicht zur runden, in sich ruhenden, von Zwängen unabhängigen Autonomie. Frankensteins Versuch, ein moderner Prometheus zu sein, scheitert kläglich.

In Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns vielinterpretierter und vieldeutiger Erzählung Der Sandmann versuchen sich einige als Menschenschöpfer: Spalanzani und Coppola/Coppelius und Nathanaels Vater und Nathanael selbst. In der Erzählung wird das zentrale Motiv des Auges variiert durch optische Instrumente: Augengläser, Brillen, Perspektive und immer wieder Spiegelflächen. Der Blick des Auges wird perspektivisch gebrochen – durch optische Geräte und durch Trübungen der verschiedensten Art. Passend zu diesen Variationen über das Auge und die Optik als Metonymien der Wahrnehmung wird die ganze Geschichte aus den verschiedensten Blickwinkeln erzählt.

Nathanaels Vater – mit seinem verlängerten Arm Coppelius – versucht sich möglicherweise1in seinem Laboratorium als alchimistischer Menschenschöpfer. Als Mensch mit schwachen Familienbezügen zieht er sich gelegentlich aus diesen bindenden Bezügen abrupt zurück und forscht in einem abgeschlossenen, der Familie nicht zugänglichen Raum. Er experimentiert also mit der Rolle des autonomen Subjekts, erscheint aber stets als gehetzt und kommt schließlich bei seinen (Selbst-)Versuchen ums Leben.

Auch Nathanael ist ein Menschenschöpfer: einerseits als Dichter, andererseits als der, der Olimpia durch seinen Blick, für seinen Blick belebt. Dieser radikale, schöpferische Blick gilt in der Figur des Nathanael nicht als produktiv, sondern als destruktiv. Auch Coppola und Spalanzani, die beiden eigentlichen Automatenbauer, handeln letztlich destruktiv und zerreißen die Puppe Olimpia. Destruiert wird das autonome Schöpfersubjekt in diesem Nachtstück auch durch die Multiplikation der Schöpferfiguren. Durch die Fragilität der Perspektive auf der inhaltlichen Ebene und die Gebrochenheit der Erzählstruktur wird auch das Konzept emphatischer Autorschaft ironisiert: Der Text erhält ein Eigenleben. Aber auch auf der Ebene der Rezeption setzt sich diese Verunsicherung der Autonomie fort: Das Schauerliche und die Dichte der Motivvariationen und -verschiebungen lässt die Lesenden dem Geschehen und der Hoffmannschen Sprachvirtuosität höchst unautonom hinterher hetzen.

Während das autonome Konzept in vielen anderen Literaturgattungen und in soziokulturellen Diskursen um 1800 – als Wunschkonzeption eines bürgerlichen Mannes – heftige Triumphe feiert, zeigt sich in den Schauergeschichten mit ihren meist männlichen Menschenschöpfern der Schrecken der Autonomie.

  1. Anmerkung: Möglicherweise, da die Laboratoriumsszene nur der dort traumatisierte Nathanael wiedergibt

Zur Person:

Eva Kormann lehrt als Privatdozentin neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Karlsruhe (TH). Studium der Soziologie und Germanistik an den Universitäten Mannheim, Heidelberg und Passau. 1984 Promotion mit einer Doktorarbeit über das neue kritische Volksstück. 2002. Habilitation mit der Schrift „Ich, Welt und Gott. Die heterologe Autobiographik von Frauen des 17. Jahrhunderts“ (erscheint 2004 im Böhlau Verlag).
Zahlreiche Lehrveranstaltungen an der Universitäten Karlsruhe, Mannheim und der Dt. Sommeruniversität von New Mexico, Taos. Veröffentlichungen vor allem zum Theater der Gegenwart und zur Autobiographik.
Mitglied im FrideL-Vorstand. Organisatorin der Tagung „Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüren des Androiden“. Vortrag und Organisation der Tagung gehören zu ihrem neuen Forschungsschwerpunkt, einer genderorientierten Analyse des literarischen Motivs vom künstlichen Menschen.