Literarische Visionen einer künstlichen Eva

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Kurzfassung

Autor: Carola Hilmes, Frankfurt am Main

In diesem komparatistisch angelegten Vortrag wurden zwei Fin de siècle-Versionen der Eva-Figur vorgestellt: Villiers de l’Isle Adams L’Ève future (1886) und Angela Carters The Passion of New Eve (1977). Während der französische Symbolist im ausgehenden 19. Jahrhundert die Geschichte von dem genialen Erfinder Edison erzählt, der für seinen Freund eine künstliche Frau konstruiert – sie trägt den Namen Hadaly, was auf Iranisch ‚Ideal‘ bedeutet –, erzählt die postmoderne englische Autorin vom Schicksal eines jungen englischen Literaturdozenten in Amerika, wo er durch unglückliche Umstände und grotestke Verwicklungen ‚zur Frau umgebaut‘ wird. Aus Evan wird Eva (im englischen Original wird aus dem Protagonisten Evelyn die Heldin Eve). Die nötige Psychochirurgie erfolgt mit Hilfe von Hollywood-Filmen. Villiers und Carter nehmen in ihren Romanen in unterschiedlicher Weise auf E.T.A. Hoffmann Bezug, wobei die Konstruktion des Weiblichen unter den jeweils aktuellen technologischen Bedingungen diskutiert wird. Der Weg führt von den Automaten im 18. Jahrhundert über die Androide im 19. Jahrhundert zum Cyborg im 20. Jahrhundert. Eine solche Zusammenschau gestattet problemorientierte Perspektivierungen.

Die Entwicklung der Medien – Skulptur, Fotografie und Film, Phonographie, Telegraphie und Telepathie – realisiert und spiegelt sich in den Romanen über die neue Eva. Sie zeigen, wie mit den neuen Techniken auch unsere Wahrnehmung sich ändert. Schließlich werden wir selbst zu einem Teil der Technik. Die mechanistische Konstruktion des L’Homme machine (1748/49) wird durch die elektromagnetische Neuschaffung des Menschen bei Villiers durch den amerikanischen Erfinder perfektioniert. L’Ève future bezeichnet den Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, die Androide ist ein früher literarischer Cyborg (vgl. Marie Lathers, The Aesthetics of Artifice, Chapal Hill 1996). Biotechnik und Robotik markieren den neuesten Stand dieser Entwicklung, der von Carter in überzeichneter, durchaus auch amüsanter Weise vorgeführt wird. Überlegungen zum Verhältnis von Weiblichkeit und Technologie lassen dabei spezifische Probleme und Mängel bei der Selbstbestimmung des Menschen erkennen. Geschlechterneutral jedenfalls ist Subjektivität nicht denkbar.

Ein Analogon zur künstlichen Eva als Ideal der Frau ist schwer vorstellbar. Der künstliche Mann im 19. Jahrhundert ist ein Monster und heißt Frankenstein. Mary Shelleys ‚moderner Prometheus‘(1818) aber verweist bereits auf andere Aspekte des Themas. Meine Ausführungen zur neuen Eva, der wissenschaftlich konstruierten und biologisch manipulierten Frau, können lediglich einige kritische Reflexionen zum Entwurf von Weiblichkeit unter den Bedingungen neuerer technologischer und medialer Entwicklungen vorstellen. Am Ende der Utopien werden die Rollen vielleicht noch einmal neu verteilt.

Zur Person:

Dr. Carola Hilmes, Privatdozentin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Freiburg/Bg., Edinburgh, Frankfurt/M. und Paris; arbeitet als Dozentin für Germanistik und Komparatistik an der Universität Frankfurt/M. und als freie Mitarbeiterin für den Hessischen Rundfunk; Vertretungs- und Gastprofessuren an den Universitäten Essen, Innsbruck und Lodz.

Forschungsschwerpunkte:

Theorie und Geschichte der Autobiographie, genderspezifische Fragestellungen, Reiseliteratur, europäische Avantgarde-Bewegungen; ästhetische und literaturthe-oretische Themen.

Publikationen in Auswahl:

  • Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus der nachromantischen Literatur (Stuttgart 1990)
  • Das inventarische und das inventorische Ich: Grenzfälle des Autobiographischen (Heidelberg 2000)

Mitherausgeberin der Bände:

  • Die Dichter lügen, nicht. Über Erkenntnis, Literatur und Leser (Würzburg 1995)
  • Protomoderne: Künstlerische Formen überlieferter Gegenwart (Bielefeld 1996)
  • Dasselbe noch einmal: Die Ästhetik der Wiederholung (Opladen 1998)
  • Die Magie der Unterbrechung (Bielefeld 1999)