Das Geschlecht der Imagination: Anthropoplastik um 1800

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Abstract

Autor: Britta Herrmann, Universität Bayreuth

Androiden, Statuen, Puppen und Monster bilden um 1800 Denkfiguren unterschiedlicher (Re-)Produktionsmodelle, die im Zeichen des Genies sowohl für die Kunst als auch für die Naturwissenschaften verhandelt werden. Einen wesentlichen Bestandteil bildet dabei die Diskussion um die Einbildungskraft. Sie wandelt sich im Lauf des 18. Jahrhunderts von der ungezügelten, deformierenden maternalen Imagination, die nur Monster zu gebären vermag, in die vorgeblich vernunftgeleitete, schöpferische Zeugungskraft des pygmaliontischen oder prometheischen Genies, die in literarischen Texten kritisch, in den Wissenschaften jedoch projektiv und experimentell (Galvanismus, Regenerationsforschung, Teratogenie) adaptiert wird. Der Beitrag verfolgt dabei die Grenzziehungen zwischen den Diskursen von Kunst und Literatur im Hinblick auf die poiesis und deren geschlechtliche Markierung.

Mit der veränderten Konzeption der Imagination werden, so die These, Poiesis, Autorschaft und Textproduktion geschlechtlich neu codiert. Doch nicht nur die Schöpfungskraft, auch das Erschaffene ist geschlechtlich bestimmt. Mithilfe der künstlichen Körper wird ebenso der potentielle Differenzverlust von Mensch und Nicht-Mensch diskutiert wie der zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit. In Rekurs auf Texte von E.T.A. Hoffmann und Mary Shelley führt der Beitrag vor, wie die Folie des Pygmalion-Mythos der Kunstproduktion eine heterosexuelle Begehrensstruktur unterlegt, welche die literarischen Texte ausstellen und im Zeichen des Monströsen durchkreuzen: durch narratives queering der Pygmalion-Geschichte im „Frankenstein“ einerseits, durch eine romantisch Anamorphose ästhetischer Konzepte im „Sandmann“ andererseits.