Androiden und (Anti)feminismus in The Stepford Wives

Zurück zum Tagungsprogramm

Kurzfassung

Autor: Claudia Gremler, Bath

In dem 1975 gedrehten amerikanischen Spielfilm The Stepford Wives, der nach dem gleichnamigen Roman von Ira Levin entstand, wird geschildert, wie in dem kleinen neuenglischen Städtchen Stepford ahnungslose Ehefrauen von ihren Männern ermordet und durch technisch perfekte, gefügige Androiden ersetzt werden, die ihnen täuschend ähneln. Die Männer wehren sich auf diese Weise gegen die in den sechziger und siebziger Jahren entstandene Neue Frauenbewegung, durch die sie ihre patriarchalische Sicherheit und Bequemlichkeit gefährdet sehen.

Die Handlung des Films wird jedoch nicht aus der Perspektive der Männer geschildert, sondern wird, um der Struktur des Films als Enthüllungsthriller gerecht zu werden, fast ausschließlich aus der Sicht von Joanna Eberhart, einer kürzlich nach Stepford gezogenen jungen Frau erzählt, die nach und nach entsetzt begreift, in welcher Gefahr sie sich befindet. Diese Fokussierung auf die klassische Figur des weiblichen Opfers in einer spannungsgeladenen Handlung legt auch eine Einordnung des Films in das Horrorgenre nahe. Die zentrale Androiden-Thematik charakterisiert ihn außerdem als Science-Fiction.

In der bisher einzigen ausführlichen Analyse des Films (von Anna Krugovoy Silver) ist der Film als feministische Gesellschaftssatire und als Dokument der Neuen Frauenbewegung bezeichnet worden. Silver zufolge veranschaulicht der Film, wie Elemente der feministischen Gesellschaftskritik in die amerikanische Alltagskultur eingedrungen sind.

Bei der Premiere des Films wurde er jedoch von Vertreterinnen der Frauenbewegung stark kritisiert. Die angebliche feministische Ausrichtung des Films, die nicht nur Silver beobachtet haben will, sondern die der Regisseur Bryan Forbes eigenen Aussagen zufolge intendierte, teilt sich keinesfalls allen Zuschauern mit. Vielmehr ist die Art und Weise, in der der Film sich als Satire auf die misogyne amerikanische Konsumgesellschaft präsentiert, auffallend brüchig. Diese Brüche lassen sich besonders gut beobachten, wenn man sich vor Augen führt, wie der Film mit den traditionell männlich bestimmten Genrekonventionen des Horror- und Science-Fiction-Films umgeht.

Zunächst ist dabei das Ende des Films zu nennen, das nicht nur für Feministinnen enttäuschend ist, weil die Identifikationsfigur Joanna zum Entsetzen der Zuschauer planmäßig vernichtet und gegen einen Androiden ausgetauscht worden ist. Der Schluss des Films steht auch in offensichtlichem Widerspruch zur tradierten Behandlung der Thematik vom künstlichen Menschen, in der typischerweise Komplikationen auftreten.

Der Umstand, dass sich der männliche Schöpfer skrupel- und bedenkenlos über die göttliche Instanz und die Rolle der Frau als Gebärerin hinwegsetzt, rächt sich üblicherweise, indem die verleugnete Natur in entstellter und gewalttätiger Form zurückkehrt. Besonders deutlich kann man das in Frankenstein beobachten, und The Stepford Wives spielt in einer dramatischen Szene deutlich auf James Whales’ Verfilmung an. Diese Rache bleibt jedoch aus in The Stepford Wives.

Diese bewusste Negierung der Konventionen des Science-Fiction-Monster-Films lässt sich auf ähnliche Weise in Bezug auf die ‚Regeln’ des Horrorgenres im Allgemeinen und des slasher films im Besonderen beobachten, denen das Ende von The Stepford Wives genauso wenig entspricht. Es gehört zu den zentralen Konventionen des slasher films, dass eine weibliche Figur, das so genannte final girl die Verfolgung durch den Killer überlebt. Dieses final girl, dem es normalerweise als einziger Figur gelingt, aus ihren Beobachtungen Schlussfolgerungen zu ziehen und die Gefahr zu erkennen, in der sie sich befindet, ist gewöhnlich gleichzeitig die Hauptfigur und besitzt einige typische Charakteristika. The Stepford Wives enthält eine Figur, die diese charakteristischen Eigenschaften aufweist, aber sie ist bezeichnenderweise sowohl ihrer Rolle als Überlebende als auch ihrer Position als Hauptfigur beraubt. Stattdessen ist sie sogar indirekt an der Auslöschung der Hauptfigur Joanna beteiligt.

Indem sowohl im Roman als auch im Film die Kräfte triumphieren, die die Vernichtung der Identifikationsfigur erreicht haben, wird die kritische Botschaft in Frage gestellt und die offenbar erwünschte Interpretation des Films als feministische Gesellschaftssatire in beträchtliche Zweifel gezogen.

Zur Person

Dr. Claudia Gremler, geb.am 19.12.1969 in Göttingen, 1990-1997 Studium der Germanistik, Anglistik und Skandinavistik in Göttingen und Odense (Dänemark), 1997-1999 Mitarbeit an den Sonderforschungsbereichen 309 „Die literarische Übersetzung” und 529 „Die Internationalität nationaler Literaturen“ an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit September 1999: Tätigkeit als DAAD-Lektorin an der University of Bath (England), 2001: Promotion an der Universität Göttingen. Titel der Dissertation: „Fern im dänischen Norden ein Bruder”: Thomas Mann und Herman Bang. Eine literarische Spurensuche.

Veröffentlichungen

  • „Vertraute Fremde? Jens Baggesens und H.C. Andersens Reisen durch Deutschland: Fremdheitswahrnehmung und ihre literarische Gestaltung in Labyrinten und Skyggebilleder,“ Skandinavistik 30 (2000), 21-43.
  • „Die femme-enfant als Erlöserin? Andersens literarische Gestalt ‘den lille Gerda’ und ihre Fortschreibungen bei Jacobsen und Bang“, Skandinavistik 31 (2001), 120-143.
  • „Doch lockt es einen auf die Berge hinauf”: Georg Brandes in Thomas Manns Zauberberg, Text & Kontext 24 (2002), 25-40.
  • „Fern im dänischen Norden ein Bruder”: Thomas Mann und Herman Bang. Eine literarische Spurensuche, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003.

Vorträge

  • “Masculinity, femininity and emerging concepts of homosexuality in the late 19th and early 20th centuries.” gehalten beim Gender Forum Histories Day an der University of Bristol, 16.03. 2002.
  • “No Place to Go: Space and Personal Identity in Oscar Roehler’s film Die Unberührbare.” gehalten bei der European Cinema Research Forum Conference an der University of Bath, 24.-26.04. 2003
  • „Transit Berlin – Achim von Borries’ Film England!“ gehalten bei der WIGS (Women in German Studies) Conference in Bath, 01.-03.09. 2003.
  • “The Fortunes and Misfortunes of Hanna Flanders: Oskar Roehler’s Die Unberührbare (No Place to Go) and the Picaresque Tradition” gehalten bei der “Clowns, Fools and Picaros” Conference an der Queen’s University in Belfast, 04.-06.09. 2003