Reproduktion als technischer Akt: Utopischer Raum für neue Genderkonzepte? – Carl Djerassis „Unbefleckt“

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Kurzfassung

Autor: Dr. Birte Giesler, Karlsruhe

Carl Djerassi, Erfinder der Antibabypille, ist in den letzten Jahren mit seinem ‘science-in-fiction’-Konzept als Romanschriftsteller und Dramatiker hervorgetreten. Seine 1999 in Wien uraufgeführte Komödie Unbefleckt. Sex im Zeitalter der Reproduzierbarkeit (Org. An immaculate Misconception) demonstriert die neuesten Möglichkeiten der Fertilisationstechnologie und thematisiert gleichzeitig die damit verbundenen ethischen und zwischenmenschlich-emotionalen Fallstricke. Im Mittelpunkt der Handlung steht die (fiktive) Erfinderin des ‘ICSI’-Verfahrens (Intrazytoplasmische Spermieninjektion), die 38-jährige Dr. Melanie Laidlaw, die für einen Selbstversuch ihrem verheirateten Geliebten ohne dessen Wissen Sperma ‘entwendet’. Da ihr Kollege ihr gegen ihr Wissen im Labor sein eigenes Sperma ‘unterjubelt’ und erst die Schwangere davon in Kenntnis setzt, weiß die Biologin schließlich selbst nicht, wessen Kind sie austrägt. Das Stück kreist um die Auswirkungen, die der menschlich-technische Eingriff in die scheinbar ‘natürlichste Sache der Welt’ für das Verhältnis der biologischen bzw. sozialen Elternteile untereinander und für die betroffenen – technisch erzeugten – Nachkommen hat. Dabei fokussiert das Theaterstück auf die ironische Reflektion der möglichen Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter und die sozio-kulturell wirksamen Geschlechterbilder.

In meinem Vortrag bin ich der Frage nachgegangen, ob und inwieweit Djerassis ironisch-realistische Fiktion um den technologischen Eingriff in die ‘natürlichen’ geschlechtlichen Vorgänge auf ein neues Verständnis der Geschlechtlichkeit des Menschen und auf ein verändertes Geschlechterverhältnis hindeutet, wie der Autor selbst in seinen zahlreichen Interviews ankündigt. Die genauere Überprüfung am Text zeigte hingegen, dass die technisch bestimmte Generativität im fiktiven Spiel von Djerassis Komödie weniger Spielräume für neue Genderkonzepte eröffnet, sondern im Gegenteil die alten Dualismen eher restituiert und manifestiert.

Zur Person:

Birte Giesler studierte Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Karlsruhe und Freiburg i. Br. 2001 Promotion an der Universität Karlsruhe mit einer Dissertation zum erzählerischen Werk von Friederike Helene Unger. Veröffentlichungen zu Paul Böckmann, Hedwig Dohm, Rahel Varnhagen und Friederike Helene Unger. Lehrtätigkeit an den Universitäten Karlsruhe, Darmstadt und Lodz. Der Vortrag entstand im Zusammenhang mit einem Projekt zu Naturwissenschaft und Technik im Drama der Gegenwart.