Bericht von der FrideL-Tagung in Bremen, 3.-5. Oktober 2003

Zurück zum Tagungsprogramm

„Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüren des Androiden“ lautete der Titel der diesjährigen Tagung des Vereins ‚Frauen in der Literaturwissenschaft‘, abgekürzt FrideL. In Zusammenarbeit mit dem Bremer Zentrum für Literaturdokumentation in der Germanistik (BreZeL), mit der Stiftung Frauen-Literatur-Forschung e.V. und der Heinrich Böll Stiftung fand sie am 3. bis 5. Oktober d. J. im Gästehaus der Bremer Universität statt. Gefördert wurde sie von der Volkswagen Stiftung. Etwa vierzig Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland trafen sich, um sich auszutauschen über den Beitrag, den literarische Kunst- und Diskursformen zum Thema des künstlichen Menschen leisten. Dabei spielte der Kontext der aktuellen Debatten um Reproduktionsmedizin und Gentechnologie ebenso eine Rolle wie die Reflexion einschlägiger historischer Beispiele früherer Epochen. 15 Vorträge waren in fünf Sektionen zu hören: „Perspektiven“, „Biotechnologie“, „Puppen, Statuen, Automaten“ (I u. II) und „Blickrichtungen – Apparaturen“. Nach der offiziellen Begrüßung im Namen der Universität Bremen durch Elke Ramm und Marion Schulz hielt Britta Herrmann von der Universität Bayreuth den Eröffnungsvortrag. Unter dem Titel „Das Geschlecht der Imagination: Anthropoplastik um 1800“ sprach sie über die geschlechtiche Umcodierung, die die Einbildungskraft um 1800 von der mütterlichen Einbildungskraft, die nur Monster zu gebären vermag, hin zur schöpferischen Zeugungskraft des (männlichen) Genies erfuhr. Florentine Strzelczyk von der University of Calgary, Canada, schloss sich mit einem multimedialen Vortrag über Genderkonnotationen im Science-fiction-Film an: „Maschinenfrauen – Weibliche Cyborgs – Sci-FiFilme: Reflektionen über Metropolis (1926) und Star Trek: First Contact (1996). In der künstlichen Frau des Sci-Fi-Films erschienen Frau und Maschine als Kreation und Kultobjekte männlicher Zukunftsvisionen und Gegenwartsängsten, wobei Langs Klassiker sich immer wieder auf andere Verhältnisse übertragen und mit unterschiedlichen politischen Inhalten füllen lasse. Am Abend hielt Rudolf Drux von der Universität zu Köln den Festvortrag. Unter dem Titel „Homunkulus oder Leben aus der Retorte. Zur Geschichte einer Männerphantasie in Literatur und Wirklichkeit“ zeigte er einen Abriss durch die literarische Motivgeschichte der Zeugung menschlichen Lebens unter Ausschluss der Frau und setzte diese Motivgeschichte in den Kontext verschiedener wissenschaftshistorischer, gesellschaftlicher, ästhetischer und geschlechterpolitischer Kontexte. Am Samstagmorgen ging es weiter mit aktuellen Aspekten des Tagungsthemas. Literarische Konstruktionen des Weiblichen unter den jeweils aktuellen technologischen Bedingungen thematisierte Carola Hilmes von der Universtität Frankfurt am Main als „Literarische Visionen einer künstlichen Eva“ (Villiers de l’Isle Adam: L’Ève future,1886und Angela Carter: The Passion of New Eve, 1978). Birte Giesler von der Universität Karlsruhe befragte Carl Djerassis „Unbefleckt“ (1999), ein Theaterstück über künstliche Befruchtung, auf die Bedeutung der Reproduktionsmedizin für die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern und die im Stück angedeuteten ‚frauenbefreienden‘ Folgen des biotechnologischen Fortschritts. Jutta Weber von der TU Braunschweig rundete die Sitzung „Biotechnologie“ mit einem Vortrag „Über Körperkonzepte in neuerer Robotik und Technikkritik“ ab. Die Herstellung von Robotern setze neuerdings auf Rückkopplungs- und Selbstlerneffekte, die die Maschinen aufgrund ihrer materiellen und örtlichen Beschaffenheit situativ erzielen, so dass ‚lebendige Artefakte mit körperlicher Welterfahrung‘ entstünden. Die Sitzung „Puppen, Statuen, Automaten“ eröffnete Marianne Vogel von der Unversität Groningen, die über „Die Wachspuppe als das Selbst und das Andere in Romantik und Moderne“ sprach und dem Funktionswandel der Wachspuppe als Projektionsfläche für Identitätskonzepte nachspürte. Während die männliche Wachspuppe in der Literatur der Romantik (Jean Paul) als Ersatz für das männliche Subjekt gestanden habe, werde sie in der Moderne zum künstlichen Anderen, das die mächtige Weiblichkeit symbolisiere. Annette Bühler-Dietrich von der Universität Stuttgart sprach über „Puppe, Leib und Subjekt zwischen R. M. Rilke und Lou Andreas-Salomé“. Anhand von Rilkes „Lotte Pritzel. Puppen“ (1921) und seinem Briefwechsel mit Andreas-Salomé wurde dargelegt, das der nicht beherrschbare sexualisierte Körper das Dichter-Ich bedrohe, so dass die Puppe bei Rilke zum Bild für den Leib werde. Der erste Teil dieser Sitzung schloss mit dem Vortrag von Gudrun Wedel von der Freien Universität Berlin über „Puppen als Lebenswerk in der Autobiographie von Käthe Kruse (1883-1968)“. Käthe Kruses autobiografisches und literarisches Schreiben kreise um (ihre) Puppen und die „Entgrenzung von Künstlichkeit“ – während größtmögliche Natürlichkeit die angestrebte Eigenschaft von Kruses ‚kleinen künstlichen Menschen‘ gewesen sei, habe sie ihr künstlerisches Schaffen in einen eindeutigen Zusammenhang mit Mutterschaft gebracht. Nach dem Vortrag von Hans Hartje, Université de Pau, zum Thema „Weibliche Figur und maschineller Text“ über die Hörspiele „Der Monolog der Terry Jo“ von Max Bense und Ludwig Harig sowie „Die Maschine“ von Georges Perec und Eugen Helmlé (beide 1968) schloss das Plenum; es folgten die Mitgliederversammlung des Vereins FrideL e.V. und ein Empfang im Gästehaus der Universität. Die Sitzung über „Puppen, Statuen, Automaten“ fand am Sonntagvormittag ihre Fortsetzung. Jutta Eming von der Freien Universität Berlin sprach über „Automaten in der Literatur des Mittelalters“ und demonstrierte, dass die in der Literatur des Mittelalters seit dem 13. Jahrhundert vermehrt thematisierten Automaten und künstlichen Menschen für ein emotionales ‚Internalisierungsprogramm‘ stehen, in dem sich vor allem das männliche Subjekt einen bestimmten zu automatisierenden Habitus aneignet. Literarischen Versionen des kabbalistischen Golemmotivs widmete sich Cathy Gelbin von der University of Manchester. In ihrem Vortrag über „Golemfiguren bei deutsch-jüdischen Autoren der Nachkriegsgeneration“ zeigte sie unterschiedliche jüdische und nichtjüdische Varianten des zur Trope gewordenen Motivs, das in den deutsch-jüdischen literarischen Entwürfen seit den Achtzigerjahren – etwa bei Esther Dischereith – gleichermaßen als Zeichen der Shoa und für eine neue jüdische Präsenz steht. Den letzten Sitzungsvortrag hielt Claudia Gremler von der University of Bath über „Androide und (Anti)feminismus in Bryan Forbes‘ The Stepford Wives“. Forbes‘ satirischer Film von 1972 erzählt aus einem neuenglischen Städtchen, in dem die Männer ihre Ehefrauen durch diesen zum Verwechseln ähnlich sehende Androiden ersetzen; mit diesen sexuell willigen und putzfreudigen Maschinen-Weibchen entwirft der Film – so Gremler – eine konsequent misogyne Gesellschaft, indem der Pygmalion-Mythos von der Menschlichwerdung der Statue quasi umkehrt wird. Nach dem Abschluss der Sitzungen zu den thematischen Einzelaspekten, hielt Eva Kormann von der Universität Karlsruhe den Schlussvortrag. Unter dem Titel „Künstliche Menschen oder: Der moderne Prometheus. Der Schrecken der Autonomie“ thematisierte sie die Häufung der literarischen Visionen von künstlichen Wesen um die Jahrhundertwende 1800 als einen impliziten Reflex auf die ‚Aporien der Autonomie‘ und die ‚Schrecken autonomer Subjektkonstitutionen‘. Die anschließende allgemeine Schlussdebatte schlug dann in einer heftigen Diskussion den Bogen von den vielfältigen Fantasien vom künstlichen Menschen früherer Epochen zur aktuellen Diskussion um die Zukunft des Menschen angesichts der immer weitreichenderen Möglichkeiten von Biotechnologie und Medizin.

(Birte Giesler)