Die Schönheit der Maschine. Automaten in der Literatur des Mittelalters

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Kurzfassung

Autor: Jutta Eming, Freie Universität Berlin (Sonderforschungsbereich ‚Kulturen des Performativen‘)

Automaten und künstliche Menschen treten in der Literatur des Mittelalters seit dem 13. Jahrhundert vermehrt auf. Vielfach konfrontieren sie als perfekte, übermächtige Gegner einen männlichen Helden, dessen Mut und Körperkraft in ihnen eine äußerste Herausforderung erfährt, teils sind es überirdisch schöne, mit beruhigenden oder anregenden Potenzen ausgestattete Figuren. In allen Fällen stimulieren die Automaten unterschiedliche Emotionen der fiktionalen Figuren und/oder der Textrezipienten. Immer sind sie in einem exquisiten höfischen Ambiente situiert und häufig selbst als Kunstwerk gestaltet. Selbst der tremor, den sie auslösen können, wird so erzählstrategisch durch die Schönheit der Gesamtinszenierung ausbalanciert.

Ein zentraler Aspekt der Historizität dieser Automaten liegt im Enthusiasmus, mit dem ihre Lebensechtheit beschrieben wird, und die noch keine Spur jenes in der phantastischen Literatur des Moderne virulenten Horrors über eine sich rächende Natur trägt, über die sich der Mensch durch eigene Schöpferkraft erheben wollte (Brittnacher). Sie zeugen vielmehr einerseits vom Faszinosum, das in der mittelalterlichen Kultur von den ‚Wundern des Orients‘ und seinen sagenhaften Kostbarkeiten und Reichtümern ausging, andererseits vom anhaltenden Interesse an magischen Praktiken, das sich durchaus technizistisch auch auf die Erzeugung ‚lebensnaher‘ Figuren und Apparaturen richten konnte.

Im Vortrag wurde die Darstellung von Automaten im Sinne der Men’s Studies auf die textuelle Konstitution eines männlichen Subjekts bezogen. Dafür wurden ausgewählte Beispiele aus der deutschen und französischen Literatur des 13. – 15. Jahrhunderts analysiert. Beinahe alle Texte gehen, wie in dieser Zeit verbreitet, auf altfranzösische Vorlagen zurück. Werden sie vergleichend in die Analyse einbezogen, lassen sich kulturgeschichtliche Transfers sichtbar machen. So sind in den französischen Texten in höherem Maße weibliche Automaten und ihre emotionale Wirkung auf den männlichen Helden beschrieben (Thomas von Britannien, Tristan-Fragment)