Homunculus oder Leben aus der Retorte. Zur Kulturgeschichte einer Männerphantasie

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Kurzfassung

Autor: Rudolf Drux, Köln

Angesichts der erstaunlichen Fortschritte bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und in der gentechnologischen Anwendung um die Jahrtausendwende gewann die Entscheidung, die der Gesetzgeber, die Abgeordneten des deutschen Bundestages, über grundlegende Fragen der Forschung mit Embryonen (wie der Diagnostik vor ihrer Implantation oder der Gewinnung und Verwertung von Stammzellen) im Mai 2001 und Januar 2002 zu fällen hatte, erheblich an politischer, sozialer und moralischer Tragweite. Diese trug allerdings auch wesentlich dazu bei, dass die greifbaren (und mitunter gegen natürliche Altersgrenzen und Verwandtschaftsgrade erzielten) Erfolge der Reproduktionsmedizin in den Hintergrund des öffentlichen Interesses gerieten. Dabei ermöglicht sie doch erst den Einstieg in die Embryonenforschung. Das geht deutlich aus einem Vorschlag von Ernst-Ludwig Winnacker hervor; der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, selbst Biochemiker, hegt die Hoffnung, Stammzellen bald solchen Embryonen entnehmen zu können, „die bei der künstlichen Befruchtung übrig bleiben, weil es keine Mutter für sie gibt“.

Heute gehört diese Form der Fortpflanzung längst zur gynäkologischen Praxis; immerhin wurden bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ca. 300 000 Kindern weltweit mit den verschiedenen Methoden ‘künstlicher Befruchtung‘ hervorgebracht. Der Begriff meint jede auf nicht-natürliche Weise erfolgte Zeugung, bei der mit technischen Mitteln die Art umgangen wird, „wie sonst das Zeugen Mode war“. Das erklärte schon der „edle Doktor“ Wagner „für eitel Possen“, als ihn Goethe im mittelalterlichen Laboratorium seines Faust II (1832) ein artig Männlein“ schaffen ließ. Wagner konnte sich bei seinem Unterfangen auf einen berühmten Gewährsmann berufen, den Hohenheimer Arzt und Naturphilosophen Paracelsus, der um 1530 beschrieb, wie „ein Mensch außerhalb des weiblichen Leibs und einer natürlichen Mutter geboren werden könne“. Seiner Rezeptur nach muss dazu „das Sperma eines Manns“ in einem dicht verschlossenen kürbisartigen Gefäß durch Einlagerung in Pferdemist (ventre equino) einem intensiven Fäulnisprozess unterzogen (putreficiert) werden. Wenn es „in steter gleicher Wärme“ des Dungs verbleibe und mit dem geheimnisvollen Menschenblut genährt werde, entstehe nach vierzig Wochen „ein recht lebendig menschlich Kind“, das jedoch viel kleiner sei als „das von einem Weibe geboren wird“. Deshalb werde es auch ‘Homunculus‘, d.h. Menschlein, genannt.

Gewiss hat der Homunculus das Laboratorium nie lebendig verlassen. Aber er war, dem alchimistischen Stein der Weisen vergleichbar, auch in erster Linie als ein Gedankenexperiment angelegt, das auf einen von natürlichen Schwachstellen befreiten Menschen abzielte. Bei dessen Herstellung glaubte Paracelsus auf die Frau verzichten zu können: Sie fungiere ohnehin nur als Behältnis und Nahrungslieferantin der Leibesfrucht, der allein der Mann die prägende Gestalt verleihe (die Eizelle und ihre genetische Bedeutung waren damals noch nicht entdeckt). Nach dieser Männerfantasie verfügt der ohne störende Weiblichkeit hervorgebrachte Homunculus über herausragende geistige Fähigkeiten und als reines Geistwesen betritt er bzw. durchschwebt er in der Phiole dann auch bei Goethe die Szene, vermag sich in Fausts Traum einzuschleichen und den sich nach der schönen Helena Sehnenden in die Antike zu geleiten. Aber er empfindet von Anfang an ein starkes Unbehagen an seiner Körperlosigkeit. Als unvollkommenes Erzeugnis alchimistischer Laborarbeit möchte er „gern im besten Sinn entstehn“. Deshalb vermischt er sich schließlich mit den Wellen des Meers, aus dem doch „alles Leben entsprungen“, bevor es sich „in tausend, abertausend Formen“ entfaltet – und holt damit für sich die Evolution nach.

Bei den vielen Deutungen, mit denen Generationen von Germanisten die vieldeutige Homunculus-Gestalt bedacht haben, wurde oftmals übersehen, dass Goethe mit ihrer Gestaltung auch auf eine seinerzeit aktuelle naturwissenschaftliche Diskussion anspielte: 1828, als er die Homunculus-Episode entwarf, gelang dem Chemiker Friedrich Wöhler die synthetische Herstellung von Harnstoff. Damit schien auf technische Weise durch „verständiges Probieren“ (Wagner) das größte Geheimnis der ‘organisierenden‘ Natur entdeckt und der Weg zum künstlichen Menschen endgültig beschritten zu sein, was Goethe milde ironisiert: Der Urzeugung im Labor, der Entwicklung von Organismen aus anorganischen Stoffen, setzt er das organische Wachstum nach den „ewigen Gesetzen“ der Natur entgegen: Das ist für das volle Menschsein unabdingbar und wird deshalb selbst von einem Retortenwesen sehnsüchtig erstrebt.

Überhaupt sind den literarisch-fiktiven Variationen der Homunculus-Genese immer reale Aspekte der Technik- und Wissenschaftsgeschichte eingeschrieben; selbst die spirituellen Bemühungen der Alchimisten um das Elixier des Lebens hingen mit Verfahrensweisen und Apparaturen zusammen, die noch der empirischen Naturwissenschaft von Nutzen waren. Und die Erzeugung des „Homunculus“, dem der österreichische Schriftsteller Robert Hamerling gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Epos widmete, spiegelt einige der damals heftig diskutierten Annahmen der Evolutionstheorie wider. Trotz allem war an seine tatsächliche Realisation nicht zu denken. Und so vermag er problemlos Hamerlings Satire auf die Technikeuphorie und Profitsucht der Gründerzeit zu befördern, in der ein seelen- und skrupelloses Kunstgeschöpf leicht Karriere machen kann. Um den (wie gehabt) körperlichen Defiziten seines (natürlich) hochbegabten Sprösslings abzuhelfen, legt sein Vater, ein Doktor der Chemie, den Homunkel noch einmal zurück in die Retorte, „reduziert ihn auf den embryonalen Zustand“ und „verpflanzt“ ihn dann „in den Mutterschoß der Gattin / Eines armen Dorfschulmeisters“.

Der „geheimnißvolle“ Embryonentransfer in die mittellose Leihmutter ist um 1887 nicht mehr als eine komisch anmutende Vorstellung. Ein Jahrhundert später ist sie verwirklicht: Im sogenannten ‘Baby-M-Prozess‘ in New Jersey (USA) wurde das in vitro gezeugte Kind nicht der Mutter, die es austrug, sondern der genetischen Auftraggeberin zugesprochen. Vor dem Hintergrund dieses Urteils wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass bereits ein halbes Dutzend Varianten zur Aufhebung des natürlichen Zeugungsaktes praktikabel sei. Zwar hat sich die Prognose eines Pioniers der In-vitro-Fertilisation (IFV), dass eine extra-uterine Schwangerschaft noch im 20. Jahrhundert durchgeführt werde, nicht erfüllt (der künstliche Uterus ist immer noch in der Erprobungsphase). Dennoch drängt sich angesichts der reproduktionsbiologischen Entwicklungen der Gedanke an die Schreckensutopie des Aldous Huxley von der Schönen neuen Welt (1932) auf. Dort wird die Frau ja nicht mehr von einem Kind, sondern von der Geburt entbunden, damit die pränatale Ausrichtung der Nachkommen auf ihre künftigen sozialen Funktionen hin nicht gefährdet wird: Die sauerstoffarmen Epsilons werden als Kanalarbeiter, die spät entkorkten Alphas hingegen als Manager eingesetzt. Mit anderen Worten: Huxley ging es weniger um künstliche Zeugung als um Züchtung, um die Kultivierung eines Menschenparks, dessen Einrichtung heute sehr viel wirkungsvoller als mit dem von ihm beschriebenen mechanischen „Bokanowskyverfahren“ durch Genmanipulation bewerkstelligt werden könnte.

Im Hinblick auf die politische und soziale Dimension der Erkenntnisse und Leistungen der Lebenswissenschaften, übrigens auch der wirtschaftlichen Begehrlichkeiten, die sie auslösen, müsste also der Homunkulus-Mythos, der von der Erzeugung des Menschen in der Retorte erzählt, neu gelesen werden, und zwar als kulturgeschichtliches Vorspiel heutiger Versuche der Fortpflanzungsmedizin und Humangenetik. Schon bei Paracelsus beschreibt er den Menschen als Ausgangsmaterial (input) und Endergebnis (output) eines Produktionsprozesses – und genau das bezeichnete der Kulturanthropologe Günther Anders im Hinblick auf die konkreten Fortschritte der Reproduktionsmedizin und Gentechnologie schon 1979 als eine „weitere industrielle Revolution“, bei der der behandelte Rohstoff eben der Mensch sei.

Anders gibt sich kompromisslos; denn die Gefahren, die seiner Meinung nach durch die human-genetischen Unternehmungen drohen, verbieten die Anpreisung potenzieller medizinischer Vorzüge. Sein hartes Urteil erinnert an die Verdammung des Doktor Frankenstein, der für seine Monsterschöpfung aus Leichenteilen mit dem Verlust seiner Lieben und schließlich mit dem eigenen Leben büßen musste. Beide aber, Frankensteins Kreatur und der Homunculus aus der Retorte, sind erdichtet, also reine Kopfgeburten. Das aber macht ihre Geschichte gerade für die gegenwärtige Debatte um ihre realen Nachkommen interessant – und die Beweggründe ihrer Erzeuger (wozu gewiss auch das archetypische Trauma des Manns gehört, das die Psychoanalyse als ‚Gebärneid‘ zu bezeichnen pflegt); denn in historisch-fiktiver Distanz lassen sich die Motivationen der (fast ausschließlich männlichen) Menschenreproduzenten besser erkennen, ob sie nun eher posthum (nach der Beerdigung) wie Victor Frankenstein ansetzen oder wie Dr. Wagner eher pränatal (vor der Geburt) operieren. Und nicht zuletzt sind es Mythen und literarische Bilder, die komplexe Vorgänge in den Naturwissenschaften veranschaulichen und vor allem die Folgen ausmalen können, die diese nach sich ziehen.

Zur Person:

Rudolf Drux ist Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität zu Köln. In zahlreichen Publikationen hat er sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Kultur- und Technikgeschichte auseinandergesetzt, die er v.a. an literarischen Erscheinungsformen des Retorten- und Maschinenmenschen verfolgt.
Weitere Informationen unter Philosophische Fakultät der Universität zu Köln