Puppe, Leib und Subjekt. Zwischen Rilke und Lou Andreas-Salomé

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Kurzfassung

Autor: Annette Bühler-Dietrich, Stuttgart

Das Motiv der Puppe gehört zu den wichtigen wiederkehrenden Motiven im Werk Rilkes. Mit der Niederschrift des Aufsatzes „Puppen: Zu den Wachspuppen von Lotte Pritzel“ und der vierten Duineser Elegie findet es im Zeitraum 1914-1915 besondere Aufmerksamkeit. Auch im seit 1897 dauernden Briefwechsel zwischen Rilke und Lou Andreas-Salomé erscheint in diesen Jahren das Bild der Puppe wiederholt. Während das Motiv der Puppe im Werk Rilkes bereits verschiedentlich von der Forschung behandelt wurde,1 ermöglicht es die Analyse des Briefwechsels, die Puppe als Ort wechselnder Funktionalisierungen und Besetzungen auszuleuchten. Dabei lassen sich in der Interferenz des Briefwechsels und der literarischen Arbeiten Rilkes folgende Schwerpunkte ausmachen: 1. Die Puppe: Anrede als orientierende Wiederholung. 2. Der Leib als Puppe. 3. Die Puppe als Objekt der Furcht.

Rilkes Aufsatz „Puppen“2 etabliert die Puppe als Medium der Orientierung und Erkenntnis, aber auch als Objekt der Furcht und des Hasses. Diese ambivalente Besetzung, die Rilke in der Kindheitselegie3 wieder aufnimmt, gründet in einem Verrat der Puppe, der die Kommunikationsstruktur verändert. Im Briefwechsel trennt Rilke die ambivalenten Besetzungen. Rilke konstruiert Lou als angeredetes Du, dessen Aufgabe es ist, ihm seine Situation zu verdeutlichen, Orientierung zu schaffen4, ohne Widerrede. Während so die positive Funktion der Puppe auf Lou übergeht, verbleibt die negative der „unzurechnungsfähigen“5 Körperlichkeit bei Rilke selbst: Immer wieder versieht er seinen Leib mit den Eigenschaften, die die tote Stofflichkeit der Puppe ausmachen.
Die Angst vor der Puppe aber konnotiert auch Angst vor Sexualität. Darauf deutet die Figur der Verleugnung. So wird im Puppen-Aufsatz die Sexualität der Puppe verleugnet, wenn Rilke am Ende des Aufsatzes die Geschlechtslosigkeit von Pritzels Puppen betont6. Dass es sich mit Pritzels Puppen aber keineswegs um geschlechtslose Wesen handelt, wird z. B. in der Besprechung ihrer Puppen durch andere Kritiker und in Fotografien der Puppen deutlich7. Auch in der Kindheitselegie ist es der Einbruch der Sexualität, der schließlich Angst verursacht.

Puppe und sexualisierter eigener Körper, die in den Briefen Rilkes an Lou zu Objekten der Angst werden, werden in der Figur der Mutter durch ein weiteres Angstobjekt ergänzt: Auch seine Mutter beschreibt Rilke in den Briefen an Lou mit dem Wortfeld „Puppe“. Während Rilke aber die leidhaften Zeiten körperlicher Verpuppung im Nachhinein verkehrend als Zeiten der „vollkommenen Übereinstimmung“ beschreibt8, bezeugt die von Abwehr geprägte Puppenerinnerung die Überwältigung des Subjekts durch das bedrohliche Abjekte des Körpers und der Mutter.

Ausweg aus dieser Situation ist allein das Gedicht. Erst als Rilke die zehnte Duineser Elegie beendet hat, endet die Verpuppung vorübergehend: „Jetzt weiß ich mich wieder“9. Während die Puppe und Lou Orientierung und Erkenntnis zeitweise ermöglichen, ist es schließlich allein das Werk, das Erkenntnis erlaubt und nicht wechselnden Besetzungen ausgesetzt ist.

Lou Andreas-Salomé antwortet Rilke in hellsichtigen, zunehmend psychoanalytisch informierten Briefen und liefert ihm die von ihm verlangte Verdeutlichung seiner Gedanken, ohne dass Rilke gerade diese Briefe antwortend wieder aufnähme. Gleichzeitig begleiten und ergänzen ihre „Drei Briefe an einen Knaben“ und „Narzissmus als Doppelrichtung“10den Briefwechsel. Schließlich lassen sich Lous Erinnerungen an Rilke, besonders der Nachtrag zum Lebensrückblick „April, unser Monat Rainer“ (1934) als Versuch einer Erwiderung lesen, der gerade die durch Rilke infligierte Verpuppung Lous aufbricht. Das Bild der Puppe erweist sich letztlich als Nexus im Briefwechsel zwischen Rilke und Lou Andreas-Salomé; sein Wortfeld prägt die Briefe und erstreckt sich über sie hinaus.

  1. Siehe dazu Jakob Steiner, „Das Motiv der Puppe bei Rilke“, in: Kleists Aufsatz über das Marionettentheater: Studien und Interpretationen, Hrsg. Helmut Sembdner (Berlin: Erich Schmidt, 1967) 132-170, und Anthony Stephnes, „Rilkes Essay ‚Puppen‘ und das Problem des geteilten Ich“, in: Rilke in neuer Sicht, Hrsg. Käte Hamburger (Stuttgart: Kohlhammer, 1971) 159-172.
  2. Rainer Maria Rilke, „Puppen: Zu den Wachspuppen von Lotte Pritzel“, in: Werke: Kommentierte Ausgabe in 4 Bde. Hrsg. Manfred Engel und Ulrich Fülleborn (Darmstadt: WBG, 1996) 4: 685-692.
  3. Vgl. Werke 2: 186-187 und 578-580.
  4. Rainer Maria Rilke / Lou Andreas-Salomé, Briefwechsel, Hrsg. Ernst Pfeiffer 2. A. (Frankfurt/M.: Insel, 2001). Zur Konstruktion des Briefpartners siehe 336 und 348.
  5. Siehe Werke 4: 688.
  6. Zur Verleugnung der Sexualität im Puppen-Aufsatz siehe auch Rainer Nägele, „Puppet Play and Trauerspiel“, in: Theater, Theory, Speculation: Walter Benjamin and the Scenes of Modernity (Baltimore: John Hopkins, 1991).
  7. Vgl. Wilhelm Michel, „Puppen von Lotte Pritzel“, Deutsche Kunst und Dekoration 27 (Okt. 1910-März 1911): 329-338.
  8. Siehe dazu den Briefwechsel mit Marina Zwetajeva.
  9. Briefwechsel 445.
  10. Beide Texte sind wiederabgedruckt in Lou Andreas-Salomé, Das „zweideutige Lächeln der Erotik“: Texte zur Psychoanalyse. Hrsg. und Einleitung Inge Weber und Brigitte Rempp (Freiburg i. B.: Kore, 1990).

Zur Person:

Annette Bühler-Dietrich ist derzeit Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Vertretung in der Abteilung Neuere deutsche Literatur der Universität Stuttgart. Promotion im Jahr 2000 an der University of Virginia, USA, mit einer Arbeit zu deutschsprachigen Dramatikerinnen im 20. Jahrhundert.Veröffentlichungen zur deutschen Literatur nach 1945 sowie zu Drama und Theater. Weitere Informationen unter NDL.