Gender-Aspekte regionaler Literatur am Beispiel saarländischer Lyrikerinnen.

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Autor: Katja Leonhardt

Im Rahmen meiner Dissertation „Saarländische Lyrikerinnen der Gegenwart“, an der ich am Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass arbeite, vermutete ich die Unterschiede zwischen Autorinnen und Autoren zunächst v.a. in der Wahl literarischer Themen. Mir fiel jedoch schon während der Vorarbeiten auf, dass die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Schriftstellern sich auf viele Bereiche des alltäglichen und des literarischen Lebens erstrecken.

Meiner Untersuchung liegen 3 Gruppen von Daten zugrunde: zum einen sind dies natürlich die Primärtexte. Als weitere Quelle dienen mir die Interviews, die ich mit 64 Autorinnen geführt habe. Diese Interviews fanden meist bei den Lyrikerinnen zuhause statt, so dass ich gleichzeitig einen Einblick in ihr Lebensumfeld erlangte. Zusätzlich habe ich fast alle saarländischen Verleger interviewt sowie einige Vertreter literarischer Institutionen.

Einen kleinen Wermuthstropfen gleich zu Anfang: Da bis jetzt die Gesamtheit der saarländischen Lyriker noch nicht erfasst wurde und das den Rahmen meiner Arbeit auch weit überschreiten würde, liegt mir von diesen Autoren natürlich nicht die gleiche Datenmenge vor wie von den Lyrikerinnen. Es ist also keine vergleichende Studie im eigentlichen Sinne.

Die Kenntnisse über die männlichen Kollegen beziehe ich hauptsächlich durch Gespräche mit den mir bekannten Lyrikern sowie aus Interviews mit Verlegern und Vertretern literarischer Institutionen. Auch hieraus kann man schon einige interessante Tendenzen ablesen.

Bekanntlich leben auch Lyriker und Lyrikerinnen nicht auf einsamen Inseln. Sie müssen sich mit Verlagen, Rezensenten, Rezipienten und Kollegen arrangieren. Hier lassen sich Differenzen zwischen den Geschlechtern feststellen.

Der erste Unterschied zwischen Lyrikern und Lyrikerinnen zeigt sich in ihrem

  1. Umgang mit der literarischen Öffentlichkeit und mit Verlagen

Es scheint eine Tendenz dazu zu geben, dass Frauen sich zunächst eher an regionale kleinere Verlage wenden. Männer scheinen es tendenziell zuerst bei den großen etablierten Verlagen zu versuchen, erst bei Ablehnung beginnen sie, sich regional zu orientieren. Befragt über die Gründe, warum sie zuerst zu kleinen Verlagen gehen, antworteten mir Autorinnen am häufigsten mit Begründungen wie: „Ich sehe keine Chance bei einem großen Verlag“ bzw. „Ich habe zu wenig Selbstvertrauen, um zu großen Verlagen zu gehen“.

Eine ähnliche Selbsteinschätzung findet sich auch auf die Frage, warum viele der Autorinnen zu Druckkostenbeteiligungen bereit waren – 33 von 64 Befragten haben ihre Veröffentlichungen selbst mitfinanziert. Als Grund geben sie auch hier mangelnde Chancen an. Männer zahlen meiner Einschätzung nach nicht seltener zu, suchen die Gründe dafür aber wohl häufiger im Markt oder im Verlagswesen selbst.

Auch was die Selbstvermarktung angeht, treten Frauen oft gehemmter und weniger selbstbewusst auf als Männer. Sie beschreiben männliche Kollegen als forscher und selbstbewusster und glauben, dass sich Männer aggressiver vermarkten.

Auch wenn man Lyriker häufig als individualistische Einzelgänger sieht, ist es wohl für jeden Autor von Vorteil, wenn er sich mit anderen Kollegen zusammenschließt. Wenn man das

  1. Engagement in Autorengruppen und Schriftstellerverbänden

betrachtet, fällt als Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Autoren auf, dass die Erwartungen an literarische Gruppierungen andere sind. Autoren haben meist die Erwartung, die Autorengruppe solle den Weg in die Öffentlichkeit erleichtern. Autorinnen, v.a. diejenigen, die noch wenig mit der literarischen Szene zu tun hatten, haben noch weitere Ansprüche. Die Autorengruppe soll eine gewisse Geborgenheit vermitteln und zunächst intern Hemmungen überwinden helfen. Das Verstehen auf menschlicher Ebene ist für viele Autorinnen genauso wichtig wie literarische Gemeinsamkeiten. Das birgt neben den Vorteilen natürlich auch Konfliktpotenzial in sich. Denn wenn es gerade auf zwischenmenschlicher Ebene nicht so funktioniert, belastet das automatisch literarische Projekte. Umgekehrt werden durch die menschlichen Elemente einige Projekte erst möglich. Diese Durchmischung privater und literarischer Ebene wird erst dann zum Problem, wenn die einzelnen Gruppenmitglieder sich darüber nicht im Klaren sind.

Viele Autorinnen präferieren außerdem reine Frauengruppen. Die Begründung dafür: der häufig sehr raue Umgangston, der in gemischten Gruppen vorherrscht, v.a. wenn es um die gegenseitige Kritik von Texten geht. Auch männliche Kollegen bestätigen diese oft unsachliche Äußerungsweise, nehmen sich dies aber weniger zu Herzen; möglicherweise sind sie solche „Kämpfe“ einfach eher gewöhnt.

Gelegentlich habe ich aber auch von sexistischen Angriffen bei Verbandstreffen gehört („Warum müsst ihr Frauen überhaupt schreiben? Warum reicht es euch nicht, schön zu sein und uns zu inspirieren?“ Offensichtlich ist die Ansicht, dass Frauen nur Objekt der Literatur sein dürfen, noch immer nicht ganz ausgestorben.) Das mögen auch Gründe sein, warum sich viele Autorinnen davor scheuen, Ämter in Schriftstellerverbänden zu übernehmen. Dabei wäre es doch gut möglich, dass sich an einigen Gegebenheiten etwas ändern würde, gäbe es mehr weibliche Entscheidungsträger.

Schade ist auch, dass sich Frauen noch zu selten zu Netzwerken zusammenschließen. Im Bereich der Bildenden Kunst gibt es im Saarland eine Künstlerinnengruppe, für die Literatur fehlt eine solche Initiative noch.

Gerade für junge Autorinnen wäre ein solches Projekt jedoch sehr wichtig, sei es, um nützliche Ratschläge zu erhalten, den Weg in die Öffentlichkeit erleichtert zu bekommen und auch einfach als Orientierungshilfe.

Diese jungen Autorinnen müssen sich, wenn sie ernsthaft schreiben wollen, auch noch andere Zusammenhänge bewusst machen. Denn es gibt immer noch

  1. Typische Lebenssituationen schreibender Frauen,

die Auswirkungen auf die literarische Arbeit haben oder die dem Schreiben sogar im Weg stehen.

Bei Frauen, die der Doppelbelastung von Berufstätigkeit und Kindern ausgesetzt sind, fehlt häufig tatsächlich die Zeit zum Schreiben.

Und von einer Frau, die „nur“ Hausfrau und Mutter ist, erwartet man, dass sie Tag und Nacht bereitzustehen hat, so dass sie häufig nicht die Muße zum Schreiben findet.

Viele Autorinnen schilderten mir auch, dass sie vornehmlich Lyrik schreiben, weil man – zumindest für der einzelnen Text – weniger Zeit dafür brauche. Scherzhaft kann man sich daraufhin fragen, ob die Lyrik vielleicht aus solchen Zeitmangel-Gründen zu einer „weiblichen“ Gattung geworden ist.

Hinzu kommt, dass viele Frauen aus Angst vor der „tickenden biologischen Uhr“ ihre Schriftstellerinnen-Träume zunächst beiseite schieben. Wenn die Kinder dann aber aus dem Gröbsten heraus sind, wird es oft schwerer, sich auf dem Markt und in der literarischen Szene zu etablieren. Wie auf vielen anderen Bereichen wird es auch auf dem Literaturmarkt immer schwerer, Fuß zu fassen, wenn man nicht über gutes Aussehen gepaart mit Jugend verfügt.

Häufig nehmen sich Frauen auch nicht das Recht auf professionelles Schreiben heraus. Mir sind viele männliche Autoren bekannt, die einen festen Platz, oft sogar einen eigenen Raum zum Schreiben haben, feste Schreibzeiten u.ä. Diese Dinge lassen sie sich auch von niemandem nehmen. Eventuell vorhandenen Kindern wird dann z.B. unmissverständlich klargemacht, dass Papa frühestens dann gestört werden darf, wenn das Haus brennt. Eine solche Reaktion gestehen sich Frauen häufig nicht zu, fühlen sich dann als Rabenmutter.

Auch die eigene Sichtweise der Autorinnen ist von Understatement geprägt. Wenn ein Mann auch nur nebenbei schreibt, nennt er sich selbst ganz natürlich Schriftsteller. Frauen müssen oft schon einige Bücher veröffentlicht haben, bevor sie sich als Autorin oder Schriftstellerin bezeichnen.

Die soziale Sichtweise schreibender Frauen hat sich leider auch noch nicht allzusehr verändert. Man sieht es gern, wenn Frauen Kinderbücher oder unterhaltende Romane schreiben. Auch der Typus „gutaussehende romantische Lyrikerin“ ist recht beliebt. Politisch unbequeme Literatur oder sogar pornographische Elemente werden bei Autorinnen aber immer noch kritischer beurteilt als bei ihren männlichen Kollegen.

Insgesamt lässt sich wohl sagen, dass auf fast allen Bereichen des literarischen Lebens und der literarischen Produktion das Gros der Autorinnen noch Probleme mit dem Selbstbewusstsein als Schriftstellerin hat und dass dies auch bei jüngeren Autorinnen noch nicht verschwunden ist.

Bevor ich zum Abschluss des ersten Teiles komme, möchte ich Ihnen noch die Sicht der Autorinnen auf eine sehr genderspezifische Frage zeigen, die ich allen Autorinnen stellte: Schreiben Frauen anders als Männer und wenn ja in welcher Weise?

90% der Autorinnen waren sich einig, dass Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Schreiben bestehen. Mit weitem Abstand vor den anderen stand die Antwort: „Frauen schreiben gefühlvoller“. Ebenfalls häufig genannt: „Frauen bevorzugen persönliche Stoffe und selbst Erlebtes, Männer eher Themen der Außenwelt und weit von ihnen Entferntes“. Weitere Nennungen im Bsp.: Frauen legen mehr Wert auf Themen des sozialen Umfelds und der Kommunikation; Frauen benutzen eine weniger harte Sprache; Frauen haben eine ganzheitlichere Betrachtungsweise.

Einige dieser Aussagen lassen sich aufgrund meiner Daten zumindest ansatzweise bestätigen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass man hier Vorsicht walten lassen muss, damit dies nicht zu einer self-fulfilling prophecy wird. Denn gerade oben genannte Unterschiede sind das, was für Frauen sozial erwünscht ist.

Nun zum 2. Teil, zur

Wahl literarischer Themen

Die folgenden Unterschiede bei der Wahl literarischer Themen beziehen sich ausschließlich auf den lyrischen Bereich. Soweit ich den Prosa-Bereich überblicke, zeigt sich dort ein anderes Bild. Gerade Frauen scheinen Themen der äußeren Welt eher in Prosa zu verarbeiten. Das mag neben dem eben Genannten mit der Haltung zur Lyrik zusammenhängen. Ich befragte die Lyrikerinnen nach dieser Sicht der Lyrik und führte eine Inhaltsanalyse durch. Neben formalen Kriterien die weitaus häufigste Aussage: „Lyrik ist besser geeignet um Gedanken und Gefühle auszudrücken, Prosa ist besser, um Geschehnisse der Außenwelt auszudrücken“.

Wenn es um die Wahl der Themen geht, gibt es eine Ebene, auf der man direkt vergleichen kann: die literarischer Anthologien. Betrachtet habe ich dazu 27 saarländische Anthologien, die zwischen 1980 und 1998 erschienen sind. Um sicherzustellen, dass die Auswahl der Texte annähernd repräsentativ ist, habe ich, wo es möglich war, die Herausgeber bzw. Verleger nach den Einsendungen für die Anthologie befragt und nach den jeweiligen Auswahlkriterien.

Auf zwei Ebenen kann man Unterschiede aufzeigen: Themenkomplexe, die bei Frauen in anderer Häufigkeit auftreten als bei Männern und Themenkomplexe, die in anderer Weise bearbeitet werden.

Es gibt v.a. zwei Themenbereiche regionaler Art, die in der Lyrik von Frauen signifikant seltener auftreten: Bergbau und Industriekultur und das Leben an und mit der Grenze.

Zunächst zu

  1. Bergbau und Industriekultur

Dieses Thema ist in seiner identitätsstiftenden und mentalitätsprägenden Wirkung für das Saarland allgemein sehr wichtig, wenn sich auch dieser Einfluss durch die sinkende Bedeutung der Montanindustrie allmählich verringert.

Interessant ist für meine Untersuchung aber v.a., dass es so gut wie keine Gedichte von Frauen zu diesem Thema gibt.

Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass Frauen seltener direkte Erfahrung mit diesem Lebensbereich gemacht haben. Viele Lyriker haben allerdings ebensowenig direkte Erfahrung damit, was sie aber nicht daran hindert, darüber zu schreiben.

Eines der wenigen Gedichte zum Thema Bergbau stammt von Maria Meisberger-Becker. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Mundart-Gedicht als Beispieltext vortragen soll, aber es ist nach gängigen Wertungskriterien das Beste aus der geringen Auswahl. Zusätzlich ist es eines der wenigen literarischen Zeugnisse für die Situation der Bergmannsfrauen, die sonst nur am Rande auftauchen, und für kritische Töne dem Bergbau gegenüber. Eine Übertragung ins Hochdeutsche finden sie bei den verteilten Thesenblättern; ich werde ihnen das Gedicht in Mundart vortragen. Kleine Aussprachemängel möge man mir verzeihen, es ist nicht meine eigene Mundart.

Maybach

Wänn eisch Maibach heere,
dann siehn eisch schwards.
Dad hadd neischd se duun
med de Kòlle,
die woo se dòòrd gegraabd hann.

Wänn eisch Maibach heere,
dann siehn eisch
alles schwards voll Leid
vòòr uurem Hous,
off uurem Kärjòbb
onn en uurer Kärsch.

Onn mei Modder ess
schwards angedòòn
von owwe bis unne.
Soggar am Hudd
hadd se e schwardser Schlaier,
weil se Drouer hadd.

Mier hann all Drouer.
Uurer Vadder wärd houd begraabd
onn nòch dwsai annere Bärschleid ourem Dòrf.
Onn enn vill annere Därfer
wärre aach Bärschleid begraabd,
die wo all emkomm senn
en der Maibach
off ääne Schlaach.
Ball honnerd Schdigg
hadd mein Schwäschder gesaad.
Onn all wääre se schwards geween,
schwards wie die Naad.
Eisch wòòr jòò sällmòòls
noch aaerisch glään.
Awwer wänn eisch Maibach heere,
dann siehn eisch houd noch schwards,
onn nuure e gans glään bisje häll.
Dad kemmd von dääm Eellischdje
woo die Modder gebrannd hadd
onn bei dääm mier gebääd hann
fer de Vadder
on fer all die annere aarme Seele.

Wänn eisch Maibach heere
dann siehn eisch schwards.
Onn dad hadd dòch äbbes se duun
med de Kòlle,
die woo se dòrd
gegraabd han.

Was sofort sehr deutlich wird, ist die hilflose Rolle, die der Bergarbeiterfrau zukommt. Für die Versorgung durch den recht gut verdienenden Ehemann muss sie einen hohen Preis bezahlen. Sobald ein Unglück passiert, ist sie machtlos zum Warten verurteilt. Die Perspektive des Kindes verstärkt diese emotionale Darstellung noch.

Wichtig v.a. ist aber der Bogen, der sich zwischen der ersten und der letzten Strophe zieht. Wird anfangs noch die Verbindung des „Schwarzsehens“ und der Grube, die ja der Brotgeber der Familie ist, geleugnet, so wird am Ende auch das Todbringende bitter anerkannt.

Wenn es um das Hüttenwesen geht, sieht es ähnlich aus. Auch das Hüttenwesen spielt eine sehr identitätsstiftende Rolle; wie Marlies Böhm es ausdrückt: „Es ist schon ein Unterschied, ob morgens die Hütte tutet oder die Hähne krähen“. In lyrischen Texten von Frauen spielt sie aber eine eher untergeordnete Rolle. Eine Ausnahme bilden hier die Gedichte einiger Autorinnen aus Neunkirchen. Der Hintergrund: als die Hütte geschlossen wurde, veränderte sich das gesamte Stadtbild in solchem Maße, dass es jeden persönlich betreffen musste: „Man hatte das Gefühl, wenn die Hütte kaputt geht, geht alles kaputt“.

Ebenfalls in lyrischen Texten seltener von Frauen als von Männern bearbeitet wird das Thema

Leben an und mit der Grenze.

Anzumerken ist dazu, dass dieses Thema – früher natürlich ein prägendes Thema –inzwischen an Bedeutung verloren hat. Etwa ein Viertel der Autorinnen geben an, dass sie durch die historische Situation literarisch beeinflusst werden; dies verarbeiten sie jedoch fast ausschließlich in Prosa-Texten. Auch typische Situationen wie das Schmuggeln über die Grenze tauchen nicht auf. Dies ist damit zu begründen, dass viele der Autoren, die darüber schrieben, als kleine Jungs selbst beim Schmuggeln dabei waren, während kleine Mädchen zu Hause gelassen wurden.

Auch die Nähe zu Luxemburg und Frankreich prägt nur 40% der Befragten. Dies wirke sich zudem auch oft nur implizit auf die Texte aus, z.B. in einer größeren Offenheit oder durch eine Inspiration durch das nahe Fremde und Unbekannte.

Ein Beispiel für einen Grenzland-Text ist „hier wurd ich geboren“ von Ulla Vigneron. Interessant sind einige biographische Details zur Autorin. 1944 geboren, ging Vigneron mit 19 aufgrund von Konflikten mit ihrer im Dritten Reich verwurzelten Familie nach Paris und blieb dort über 20 Jahre lang. Diese Abwendung erfolgte u.a. aus Zorn darüber, bestraft zu werden für etwas, an dem man keine Schuld trägt. Dies und die Situation innerer und äußerer Zerrissenheit drückt sie in ihrem Gedicht aus:

hier wurd ich geboren
die SA marschierte noch immer
und
aus den Bomben
erblühte
später
der giftige Merkantilismus

Unne im Dorf
uffem Feld
die Assis
so sagt man heute
der Lehrer
1951
bestrafte die asozialen
Kinder
weil sie Läuse hatten.

La dénazification
la désinfection
les francais avaient chassé
ma grandmère
weil der Opa bei der SA war.

Unser Führer
hat mei Omma imma gesaad
und aus den Kohlen
zog sie die versteckte SA-Jacke.
Die Russe komme
die Russe.

Et les francais
vivaient dans la maison
und sie wußten nichts
von der versteckten SA-Jacke
unter den Kohlen im Keller.

Geh mei Liewes geh ma em Ooba
sei Jack ruffholle.

Der Lehrer strafte die lausigen
Kinder
der Lehrer setzte sie
abseits
weit weg von
den Sauberen.

Das war nach der
dénazification
das war die
désinfection.

Hier wurd ich geboren
zu dieser Zeit damals
da schlug man die Kinder
weil sie Läuse hatten.

Ganz im Gegensatz zu den eben genannten Themen, die kaum von Autorinnen bearbeitet wurden, steht ein Komplex, der ausgesprochen häufig in lyrischen Texten von Frauen vorkommt:

  1. Das enge Umfeld – das Haus, der Garten, das Dorf

Zunächst ist anzumerken, dass gerade das Haus ein wichtiges Thema in saarländischen Literatur ist. Dies hat historische Gründe: die Saarbergwerke vergaben lange Zeit günstige Hausbaukredite an ihre Bergleute, um sie enger an sich zu binden. Dadurch gibt es in keinem Bundesland in Relation zur Bevölkerung so viele Eigenheime wie hier.

Aber gerade Frauen wählen dieses enge Umfeld häufig als Thema. Dies hat zwei Gründe:

Zum einen liegt es an der literarischen Tradition der Region. Bis Mitte/Ende der 60er gab es im Saarland nur 3 Autorinnen, die es zu einem großen Bekanntheitsgrad brachten: Lisbeth Dill, Maria Croon und – unter Einschränkung – Natalie Zimmermann. V.a. die beiden ersten Genannten waren in ihrer Literatur sehr religiös und traditionell in den Inhalten, oft mit heimattümelnden Anklängen.

Wenn sich also die einzigen bekannten Autorinnen, die dadurch Vorbildcharakter für künftige Schriftstellerinnen haben, sich intensiv diesem Thema widmen, ist es nur logisch, dass nachfolgende Autorinnen dadurch beeinflusst sind.

Die zweite Ursache ist soziologischer Art. Bei den saarländischen Autorinnen gibt es leider sehr wenig Nachwuchs. Aber gerade ältere Autorinnen – v.a. die in ländlicheren Gegenden – sind in ihrem Leben wenig über dieses enge Umfeld hinaus gekommen. Daher wird natürlich dieses Umfeld häufig thematisiert.

Allerdings darf man diesen letzten Aspekt nicht überbewerten und glauben, jede Autorin, die dieses Thema wählt, habe nichts anderes kennengelernt. Bestes Gegenbeispiel ist die Lyrikerin Felicitas Frischmuth. Sie ist gebürtige Berlinerin, lebte lange in München und wohnt jetzt in selbstgewählter Einsiedelei außerhalb des Städtchens St. Wendel mit dem Bildhauer Leo Kornbrust. Diese Umgebung ist seit den 70ern immer wieder Thema in ihren Arbeiten. Das Erzählgedicht „Kein Zaun keine Mauer“ – 1986 selbständig erschienen – widmet sich sogar ausschließlich dem Thema des Hauses.

Häufig spielen Lyrikerinnen wie Sabine Göttel, Ellen Diesel oder Marcella Berger auch mit dem Spannungsfeld zwischen Heimeligkeit und Drang nach außen, zwischen Vertrautheit und Fremdheit. Dazu ein kurzes Gedicht von Marcella Berger:

Dies ist ein sanftmütiges Haus
mit sanftmütigen Augen
dem flecht ich des Morgens
die Zöpfe.
Nur
dieses
eine Haar im Nacken
singt von noch größerer Einfalt
von jener verschwiegenen Spur
zum Tor.

Zum Thema des engen Umfelds gibt es aber auch sehr kritische Töne, die auf die Einengung durch die ach so heimelige Dörflichkeit abzielen, z.B. von der inzwischen in Berlin lebenden Monica Streit. Ich zitiere aus ihrem Gedicht „Totenunruhe“:

Heimatliche Häuser in meinen Träumen stets groß
nun klein wie im Puppenland
bin ich gewachsen?
in der Abenddämmerung rasseln Rollos
die ersten Grabsteine lösen die Wehmutswellen aus
möchte ich hier begraben sein?
es wäre noch Platz
zwei Meter auf einen in unserer alten Birnbaumwiese
lagern nun Knochen unter den Wurzeln der Astern
manche Grabgänger grüßen Mutter
und sehen mich prüfend an…

Ein Thema, das nicht wesentlich häufiger von Frauen lyrisch verarbeitet wird, aber doch oft in anderer Weise und unter anderen Bedingungen, ist das Thema

  1. Liebe und Erotik

Wenn es an dieses Thema geht, nehmen sich viele Autorinnen immer noch aus Angst vor Reaktionen der Leser oder Hörer zurück. In den Interviews berichteten die Befragten oft, dass sie bestimmte Texte bewusst nicht öffentlich machen, weil sie negative Rückmeldungen befürchten. Dabei handelt es sich um Texte, die objektiv betrachtet nicht pornographisch sind. Die größte Angst ist, dass Rezipienten Rückschlüsse vom erotischen Text auf die Autorin ziehen. Männer hingegen scheinen sich eher dann zurückzuhalten, wenn es ihrem sozialen Status schaden könnte.

Dass die Ängste der Autorinnen nicht völlig unbegründet sind, schilderte mir Ulla Vigneron. Sie stellte bei einer Lesung Texte vor, die dem – zum Teil auch (Fach-)- Publikum offensichtlich zu anstößig waren. Nach dem Vortrag folgte lediglich langes betretenes Schweigen. Die Folge: Für die Veröffentlichung von „Einer raucht n Stixi“ „zähmte“ die Autorin viele der Texte.

Romantisch-zarte Lyrik von Frauen ist hingegen äußerst sozial erwünscht. Gedichtbände wie Martina Merks-Krahforsts „Nachtsilben“ sind in kürzester Zeit ausverkauft, wenn man allerdings auch vermerken muss, dass die Hauptleserschaft dieser Bücher ebenfalls weiblich ist.

Insgesamt kann man wohl sagen, dass das literarische Publikum generell bei schreibenden Frauen ein eher romantisches Bild präferiert und derbe Sprache oder pornographische Elemente verurteilt. (Den Kommentar „Frauen sollten sich so nicht ausdrücken“ habe ich übrigens ebenso oft von Frauen wie von Männern gehört.) Und häufig genug sind Autorinnen bereit, sich sprachlich und inhaltlich zu einzuschränken, um diesen Ansprüchen zu genügen.

Ein letzter wichtiger Punkt ist noch zu betrachten: Inwieweit ist diese Untersuchung auf nationale Verhältnisse zu generalisieren? Aus rein soziologischer Sicht relativ weit. Das Saarland wird häufig für Marktforschungsanalysen herangezogen, da es bezüglich einiger Aspekte wie Stadt-Land-Verteilung der Bevölkerung, Pro-Kopf-Einkommen und ähnlicher Aspekte recht gut im Bundesdurchschnitt liegt.

Nicht übertragen kann man hingegen alle Ergebnisse, die sich in Bezug auf Verlage und Vermarktung ergeben, weil aus verschiedenen Gründen die Verlagslandschaft und die Verbreitungsmöglichkeiten eingeschränkter sind als in vielen anderen Gebieten Deutschlands.

Ich bin mir weiterhin auch sicher, dass man zu anderen Ergebnissen gelangen würde, wenn man mit denselben Fragestellungen an Berliner Autorinnen herantreten würde, da die Ausgangsbedingungen und das Umfeld sehr unterschiedlich sind.

Interessant wäre es aber durchaus, beispielsweise Texte von Autorinnen und Autoren aus dem Ruhrgebiet zu betrachten, v.a. wenn es um den Themenbereich Bergbau geht.