Tagungsbericht: 1. Tagung zu Genderorientierte (germanistische) Literaturwissenschaft.

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Genderorientierte (germanistische) Literaturwissenschaft

1.Symposium von FrideL (Frauen in der Literaturwissenschaft), Bremen 29.9.2001

Ende September fand im Gästehaus der Universität Bremen das erste Symposium von FrideL, Frauen in der Literaturwissenschaft, statt. Thema des Symposiums war das Verhältnis von Gender und Gattung. Dazu benannte der erste Vortrag von Eva Kormann das Problemfeld. In ihrem Vortrag „Gattungstheorie, genderneutral oder genderorientiert? Das Beispiel der Autobiographik“ plädierte sie für eine genderorientierte Gattungstheorie und legte Grundsätzliches zu diesem Thema dar: Herkömmliche Gattungstheorien geben sich meist genderneutral, d.h. die Analysekategorie „Geschlecht“ wird nicht verhandelt. Dennoch aber sind sie geschlechterblind, denn sie beschreiben die Gattung anhand eines Kanons von Texten, die nahezu ausschließlich aus der Feder von Männern stammen. Eine genderorientierte Gattungstheorie berücksichtigt dagegen auf der Produktions-, der Darstellungs- und der Rezeptionsebene die Analysekategorie „Geschlecht“. Sie sucht danach, wie und wo Geschlecht die Zugangsmöglichkeiten zu bestimmten Gattungen und die Anwendungsvarianten (mit)bestimmt. Sie untersucht die Chancen von Frauentexten, vorhandene Kommunikationsmodelle adäquat verwenden zu können oder gar selbst als Formvorbild wirksam und in den Gattungskanon aufgenommen zu werden. Und sie fragt danach, inwieweit soziokulturelle Geschlechterkonzeptionen darüber entscheiden, welcher Gattung Lesende einen bestimmten Text zuordnen.

Im Anschluß an diese Reflexion der Verknüpfung von Gender und Gattung beleuchteten die Referierenden aus Europa und den USA diesen Zusammenhang anhand spezifischer Beispiele aus einzelnen Gattungen. So zeigte Anke Gilleir in ihrem Vortrag über Caroline Pichlers Autobiographie, wie Pichler als erfolgreiche Autorin des 19. Jahrhunderts in ihrem Text ein performatives Selbstbild entwirft, das sich in ein Diskursfeld einschreibt, welches zunehmend vom freien, schöpferischen und männlichen Künstler geprägt ist. Pichlers Verknüpfung von privatem und professionellem Leben, die bislang als Aussage über die Bescheidenheit der Künstlerin rezipiert wurde, zeigt sich so als spezifischer Gestus, der die erworbene Position der Erzählerin fixieren soll. Auch Sabine von Mering forderte einen neuen Blick auf die Aneignung der Gattung Tragödie durch Autorinnen. Am Beispiel von Ilse Langners und Else Bernsteins Antikentragödien zeigte sie, wie in diesen Texten durchaus aktuelle Themen wie die Komplizenschaft von Frauen, die Opferrolle von Frauen, aber auch deren aggressives Potential verhandelt werden. Wie Geschlecht auf die Definierung einer Gattung Einfluss genommen hat, zeigte Angelika Schlimmer am Beispiel des Romans: Zu Beginn der romanpoetologischen Entwicklung gehen die Ab- und Ausgrenzungsstrategien sowie die darauf folgende Bildung eines neuen Romanmodells mit der Verwendung von Beschreibungs- und Bewertungskriterien einher, die sowohl literarästhetisch als auch geschlechtsspezifisch gesehen werden können. In der Ablehnung des voraufklärerischen Romans äußert sich eine Ablehnung der weiblich konnotierten Elemente, da er nicht der männlich begriffenen Norm aufklärerischer Ästhetik entspricht. Die weitere Ausdifferenzierung von Romanformen am Ende des 18. Jahrhunderts ist im Wesentlichen an den geschlechtsspezifischen Merkmalen in der Romanpoetik ausgerichtet. Schließlich etabliert sich in der Theorie der Roman als Kunstform über ein männlich codiertes Modell, nämlich den Bildungsroman. Trotzdem bleibt der Roman bis ins frühe 19. Jahrhundert eine weiblich assoziierte Literaturform. Im Zusammenhang von Soziologie und Geschlecht stellte Katja Leonhardt einige Ergebnisse ihrer Forschung zu den „Gender-Aspekten regionaler Literatur am Beispiel saarländischer Lyrikerinnen“ vor und beleuchtete sowohl wie saarländische Autorinnen mit der literarischen Öffentlichkeit umgehen als auch wie sie sich mit Themen wie Bergbau und Industriekultur oder dem Leben an und mit der Grenze beschäftigen. Mit den Vorträgen von Julia Augart über den Briefwechsel Sophie Mereau – Clemens Brentano, von Rachel Freudenberg über Rilkes „Requiem für eine Freundin“ und von Birgit Maier-Katkin über Anna Seghers „Der Ausflug der toten Mädchen“ kamen schließlich noch Aspekte der Gattungen Brief, Requiem und das Verhältnis von Literatur und Geschichte zur Sprache.

Konkrete institutionalisierte Modelle der Geschlechterforschung stellten dann Julia Neissl und Gudrun Wedel vor. Julia Neissl präsentierte die hochschulpolitische Situation in Österreich und skizzierte die gesetzlichen Voraussetzungen sowie die unterschiedlichen Umsetzungsmodelle der Implementierung von „Gender Studies“ an österreichischen Universitäten. Mit dem Zentrum der Frauen- und Geschlechterforschung in Salzburg stellte sie die Arbeit eines Organs vor, durch das die Möglichkeit geschaffen wurde, in Zusammenarbeit mit universitären Gremien einen Studienschwerpunkt „Gender Studies“ anzubieten , diesen zu organisieren und administrieren. Neben der Konzeption eines eigenen Bakkalaureatabschlusses „Gender Studies“ wird es in den nächsten Jahren dort v.a. um die Sicherung des interdisziplinären Angebots v.a. in den bisher unterrepräsentierten Bereichen der Naturwissenschaften, der Theologie und der juridischen Fakultät gehen. Das Thema Autobiograpik aufnehmend stellte Gudrun Wedel die schrittweise Institutionalisierung der Sammlung und Erforschung von Autobiographien von Frauen vor. Dazu gehört das DFG-Projekt „Netzwerke Autobiographinnen“, in dem Methoden, Themen und Fragen der Datenaufbereitung bezüglich Autobiographien diskutiert werden. Ein Ergebnis dieser Forschung wird die Herstellung einer Datenbank und eines Handbuchs über Autobiographinnen aus dem 19. Jahrhundert sein. Dabei geht die Betrachtung von der Person aus und untersucht werden sowohl die unterschiedlichen Präsentationsformen im Laufe eines Lebens als auch Personenbeziehungen der Autobiographin. Besonders beachtet werden autobiographische Kleinformen, die bislang kaum erschlossen sind. Der Margherita-von-Brentano- Preis, der Frau Wedel verliehen wurde, stellt ihr zusätzlich 20 000 DM zur Verfügung, um Autobiographien zu sammeln, die dann an einem öffentlichen Ort zugänglich sein sollen. Angestrebt wird die Erfassung der Titel für den OPAC der Universitätsbibliothek der FU Berlin.

Schließlich lohnt es sich, auf die Vorzüge des Standorts Bremen gerade für die genderorientierte Literaturwissenschaft hinzuweisen. Denn an der Universität Bremen wird die Datenbank deutscher Schriftstellerinnen unter der Obhut von Marion Schulz betreut. Dort gibt es die Möglichkeit, sowohl zu forschen als auch Praktika zu absolvieren.

Eine animierte Diskussion schloß das Symposium ab und FrideL beschäftigt sich nun mit der Konzeption einer größeren Veranstaltung 2003.

(Annette Bühler-Dietrich)