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Friedrich Voith (1840-1913)

Take Off in der industriellen Revolution

Friedrich VoithDen Grundstein für den später weltweit agierenden Konzern der Familie Voith hatte Friedrich Voiths Großvater gelegt: Er kaufte 1822 eine Schleifmühle mit einer kleinen Wasserkraft vor der Stadt Heidenheim an der Brenz. Das industrielle Umfeld bestand aus Textilgewerbe und einer Papiermühle. Friedrich Voiths Vater, Johann Matthäus Voith, reparierte Maschinen aller Art, war auch im örtlichen Gewerbeverein aktiv und veranstaltete Gewerbeausstellungen. Der Inhaber der benachbarten Papiermühle, Heinrich Voelter, hatte ein Patent erworben, das die Papierfabrikation aus Holz beschrieb. Voelter und Johann Matthäus Voith arbeiteten nun zusammen und stellten 1852 einen Holzschleifer her.

Im Jahr 1855 besuchte Johann Matthäus Voith die Pariser Weltausstellung und soll hier den Entschluss gefasst haben, seinen Betrieb vom kleinen Gewerbe auf Fabrikmaßstab zu erweitern. Die Werkstatt wurde vergrößert, eine Gießerei und eine Schlosserei kamen hinzu, ebenso eine Dampfmaschine. Sein einziger Sohn, Friedrich Voith, erhielt als künftiger Nachfolger eine umfassende technische Ausbildung.

 

 

Turbinen
Diese Voith-Turbinen aus dem Jahr 1903,
die im Hamilton-Kraftwerk auf der kanadischen Seite
der Niagarafälle eingesetzt wurden,
waren noch vor wenigen Jahren
in Betrieb.

Friedrich Voith wurde am 3. Juli 1840 in der Schleifmühle in Heidenheim an der Brenz geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und der Latein- und Realschule absolvierte er eine Lehre in der väterlichen Werkstatt. Mit 15 Jahren ging er auf das Polytechnikum in Stuttgart, das er vier Jahre besuchte und im September 1859 verließ. Friedrich Voith arbeitete darauf in der Ravensburger Filiale der Firma Escher in Zürich (Wasserräder), danach bei Heinrich Voelter in Heidenheim, der sich neben der Papierproduktion mit der Konstruktion von Papiermaschinen beschäftigte, und schließlich bei Henschel in Kassel, damals schon eine große Fabrik mit 350 Arbeitern, die vor allem Werkzeugmaschinen herstellte.

1867 übergab ihm sein Vater den Betrieb, der 1870 als Einzelfirma "J. M. Voith" ins Handelsregister eingetragen wurde. Friedrich Voith baute die Firma auf, indem er eine komplette Holzschleiferei und den dazugehörigen Antrieb, eine Wasserkraftmaschine, entwickelte. Er verbesserte die Francis-Turbine durch drehbare Leitschaufeln (nach Ideen von Karl Fink und Adolf Pfarr) und lieferte diese erste kommerzielle Maschine 1873 aus. Mit Wilhelm Kankelwitz, Professor für Maschinenbau, Wasserkraftmaschinen und Fabrikanlagen am Polytechnikum Stuttgart, bestand eine enge Zusammenarbeit. Dies war das Produktionsprogramm der Firma Voith für die nächsten Jahrzehnte: Turbinen sowie alle Maschinen zur industriellen Papierproduktion.

Papiermaschinen
Voith Papiermaschine in der Fertigung in Heidenheim um 1895.

Friedrich Voith war am Anfang seiner Unternehmerkarriere noch der alles bestimmende Chef, sowohl Ingenieur, Buchhalter und Kassierer, als auch Werksleiter. Das wachsende Geschäft ließ dies aber nicht mehr zu. Voith suchte und fand in Marcell Kempf einen Kaufmann und in Adolf Pfarr einen leitenden Ingenieur.

Pfarr entwickelte einen mechanischen Drehzahlregler, der seit 1891 die Tourenzahl der Turbine im Zementwerk Lauffen am Neckar regelte und einen wichtigen Konstruktionsfortschritt für die Stromerzeugung aus Wasserkraft darstellte. Diese Turbine lieferte den Strom für die erste elektrische Kraftübertragung zur Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung von Lauffen nach Frankfurt.

Ein Höhepunkt der Firmengeschichte war 1903 die Bestellung von zwölf Francis-Turbinen für eines der Kraftwerke an den Niagara-Fällen. Damit begründete die Firma Voith ihren Weltruf. Diese Turbinen waren die damals stärksten Anlagen ihrer Art.

Becken des ersten pumpspeicherwerkes
Becken des ersten Pumpspeicherkraftwerks Deutschlands
in Heidenheim 1908.

Voith investierte in die Erforschung der Strömungsmechanik, wodurch in Heidenheim das erste Pumpspeicherkraftwerk Deutschlands entstand. Er baute eine Turbine für höhere Gefälle, die Pelton-Turbine, eine amerikanische Erfindung. 1867 hatte Friedrich Voith von seinem Vater einen Betrieb mit 30 Mitarbeitern übernommen. Bei seinem Tod beschäftigte er 3.000 Mitarbeiter.

Heute ist die Voith AG eines der großen europäischen Familienunternehmen mit 37.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2006/2007). Es ist weiterhin im Besitz der Familie Hanns Voith. An der Spitze des Unternehmens steht heute eine Management-Holding am Konzernsitz in Heidenheim.

Volker Ziegler

 

Literatur

  • 100 Jahre Voith. Texte: Hanns Voith. Teil 1: Erfahrung aus der Vergangenheit. Heidenheim an der Brenz 1967.
  • Wulz, Hans: Heidenheimer Originale: Friedrich Voith. Ein paar Anekdoten über den "alten Herrn". In: Heidenheimer Land 1984, 74.
  • Raithelhuber, Ernst: Erste komplette Voith-Papiermaschine 1881. Von der alten handbetriebenen Papiermühle zur rationellen Papierherstellung . In: Heidenheimer Land 1984, 72.
  • Franke, Paul-Gerhard u. Kleinschroth, Adolf: Von Voith, Friedrich: 1840-1913. In: Franke, Paul-Gerhard u. Kleinschroth, Adolf: Kurzbiographien Hydraulik und Wasserbau. München 1991. S. 228-229.
  • Schweickert, Hermann: Georg Adolf Pfarr. Wegbereiter der Wassernutzung und Papierfabrikation. Ungedruckte Zulassungsarbeit. Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Geschichte der Naturwissenschaften und Technik. Stuttgart 1998.
  • Lonhard, Otto-Günter: Die ersten Voith im Raum Heidenheim. In: Südwestdeutsche Blätter für Familien- und Wappenkunde 24 (2004/2006), 10. - S. 426-432. 

Links

Bildquellen

  • Voith AG, Heidenheim